Kultur

Für 49 Tage in Seenot: Wie Amerikaner ein russisches Frachtschiff retteten

Für 49 Tage in Seenot: Wie Amerikaner ein russisches Frachtschiff retteten

Im März 1960 segelte der amerikanische Flugzeugträger USS Kearsarge in den Gewässern des Pazifischen Ozeans. Was wie eine Routinefahrt aussah, entpuppte sich als etwas anderes, als ein russischer Militärkahn aus dem Nichts auftauchte. An Bord befanden sich vier sowjetische Seeleute, die schwer erschöpft aussahen.

Es waren die Crew-Mitglieder des russischen Frachtschiffs T-36, das 49 Tage zuvor in Seenot geraten war. Im kalten Krieg begegneten sich die beiden Crews mit Skepsis. Was würde geschehen, wenn die Russen an Bord des amerikanischen Schiffes gehen würden? Dies ist die Geschichte zweier Nationen, die sich in einer schwierigen Situation anders verhielten, als man es von ihnen erwartet hätte.

1. Die USS Kearsarge

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Die erste Kearsarge wurde im Jahr 1861 gebaut. Die zweite Version wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut und 1955 nach einer langen Karriere als Kranschiff verschrottet. Die Kearsarge, um die es in dieser Geschichte geht, lief erstmal 1945 aufs Wasser. Ursprünglich als Flugzeugträger der Essex-Klasse konzipiert, wurde sie später für den Transport von Düsenflugzeugen umgerüstet.

Die Kearsarge war auch an dem Koreakonflikt in den 50er Jahren beteiligt. In dieser Position starteten mehrere tausend Flugzeuge von der Kearsarge, um gegen nordkoreanische Streitkräfte auszufliegen. Filmfans ist die Kearsarge auch als Drehort für den Film „Die Caine war ihr Schicksal“ aus dem Jahre 1954 bekannt.

2. Der kalte Krieg

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1960 befand die Welt sich auf dem Höhepunkt des kalten Krieges. Diese Geschichte spielt zu diesem Zeitpunkt, in einer Zeit großer Feindseligkeit und problematischen Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion.

Die Männer an Bord der USS Kearsarge standen vor einer schwierigen Entscheidung. Sollten sie den Militärkahn unterstützen? Würden die Russen ihr Schiff überhaupt verlassen wollen? Zwar waren die Sowjetunion und die USA Verbündete im Kampf gegen Deutschland und Japan.

Genau genommen war die Welt damals jedoch in zwei Lager aufgeteilt. Auf der einen Seiten die USA mit ihren westlichen Demokratien und auf der anderen Seite die Russen und der Kommunismus.

3. 50 Tage ohne Strom

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Wie sich herausstellte, waren die Sowjets schon sehr lange auf dem Pazifischen Ozean unterwegs. Sie waren fast 50 Tage lange ohne Strom über das Meer geschippert. Ohne Treibstoff war das Meer für diese Schiffsmänner nicht zu überleben.

Sie waren schon über 1.000 Meilen (ca. 1.609 km) von ihrem Ziel entfernt und hatten ihre Vorräte komplett verzehrt. Zuletzt hatten sie sogar ihre eigenen Lederschuhe verspeisen müssen, um auf hoher See nicht zu verhungern.

Dennoch entschieden sie sich nicht sofort dafür, sich von den Amerikanern retten zu lassen. Um den Grund dafür zu verstehen, müssen wir die Geschichte der T-36 von Anfang an betrachten.

4. Das Leben auf der T-36

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Das sowjetische Schiff, welches vor der Küste in Seenot geriet, hörte auf den Namen T-36. Es war 100 Tonnen schwer und 57 Fuß (ca. 17 m) lang. Von zwei Motoren angetrieben, erreichte es eine Höchstgeschwindigkeit von zehn Knoten. Für das Segeln in Küstennähe konzipiert, war die T-36 für den verlassenen Ozean denkbar ungeeignet.

Das Leben auf der T-36 war wenig luxuriös. Die Quartiere der Seeleute waren mit vier Betten, einer Kochnische und einem tragbaren Radio ausgestattet. An Deck gab es jedoch viel zu tun, denn die Crew war rund um die Uhr damit beschäftigt, Frachter anzusteuern und Waren zu verladen.

5. Lieferungen an Land

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Eine der Aufgaben der T-36 war es, Waren von größeren Frachtern aufzunehmen und an Land zu transportieren. Meistens handelte es sich dabei um Lebensmittel wie Zucker, Fleisch, Tee oder Kekse.

Im Dezember 1959 stand eine solche Aufgabe an. Während eines starken Gewitters erhielt die vierköpfige Crew der T-36 den Auftrag, gemeinsam mit der T-97 Lebensmittelvorräte an Land zu transportieren. Die T-36 war an diesem Tag nur leicht beladen, da das Schiff bereits winterfest gemacht worden war. In der Regel verbrachte die Crew die kalten Wintertage in ihren Baracken an Land. So kam es, dass die Männer schlecht ausgestattet und vorbereitet ans Werk gingen.

6. Aufs offene Meer

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Es kam wie es kommen musste und die T-36 verlor den Kontakt zur Küste. Als das Schiff während des schweren Sturms ausfuhr, wurde es durch große Wellen in die Nähe der felsigen Klippen am Kasatka Bay getrieben. Der Sturm verhinderte, dass die T-36 Kontakt mit der T-97 aufnehmen konnte. Als wäre das nicht alles schon schlimm genug, erlitt das Schiffsradio einen Defekt und die T-36 hatte keine Kommunikationsmöglichkeit mehr.

Wie sich herausstellte, war die Küste von Kasatka Bay brandgefährlich. Die Windrichtung veränderte sich und die T-36 wurde in Richtung des offenen Meeres getrieben. Zu allem Übel ging dem Schiff auch noch der Treibstoff aus.

7. Durch den Teufelshügel

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Die Crew der T-36 musste schnell handeln, um ihr Schiff vor dem Untergang zu bewahren. Die einzige Möglichkeit, die felsigen Klippen zu umschiffen, war eine Fahrt durch einen Schiffspfad, der auch als Teufelshügel bekannt ist.

Jedoch misslang das Manöver und die T-36 streifte die Felsen. Dies hatte zur Folge, dass Wasser in den Treibstofftrank gelangte. Das Schiff sank zwar nicht, musste aber zügig repariert werden.

Die Crew realisierte, dass sie schnellstmöglich den nächstgelegenen Strand anlaufen mussten. Als der Kapitän der T-36 jedoch den Motor starten wollte, gab dieser sofort den Geist auf. Nun trieb die T-36 ohne Hoffnung aufs offene Meer hinaus.

8. Eiskaltes Wasser

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Die einzige Möglichkeit, jetzt noch an Land zu kommen, war zu schwimmen. Diese Option kam für die Crew der T-36 jedoch nicht infrage, da das Wasser eine Temperatur von unter null Grad hatte. Die Crew würde es nicht rechtzeitig an Land schaffen und außerdem kam es für den Kapitän nicht infrage, das Schiff auf offener See zurückzulassen.

Stattdessen stellte die Crew sich auf eine lange Zeit auf See ein. Das bedeutete, dass sie zunächst das Wasser aus dem Tank beförderten. Die Klippen hatten das Schiff schwer beschädigt, doch im letzten Moment gelang es der Crew, das Leck zu schließen. Doch erst danach ging die wirkliche Arbeit los.

9. Kein Essen und Wasser

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Auf der T-36 befanden sich zu diesem Zeitpunkt nur vier Männer. Die kleine Crew rund um Kapitän Ziganshin machte eine Bestandsaufnahme aller Waren an Port des Schiffs. Wie sich herausstellte, hatten sie nur sehr begrenzte Vorräte. Es gab kaum Essen und Wasser und die wenigen Kartoffeln waren mit dem ausgelaufenen Treibstoff in Berührung gekommen.

Außerdem hatten sie ein wenig Hirse, Erbsen und einen Eimer Fett. Der Wasserbestand belief sich auf weniger als fünf Liter. Auch das Wasser war schmutzig und musste vor dem Trinken mit Regenwasser vermengt werden. Zum Glück hatte die Crew einige Packungen Zigaretten dabei und damit wenigstens etwas Luxus.

10. Schnelle Rettung?

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Die Crew der T-36 ging zu diesem Zeitpunkt noch von einer schnellen Rettung aus. Sie hoffte, ein anderes Schiff würde sie entdecken und an Land ziehen. Auch die Winde konnten sich noch einmal drehen und das Schiff in Richtung Küste treiben, wo die Chance höher war, von befreundeten Schiffen gesichtet zu werden.

Leider traten all diese Dinge nicht ein. Kapitän Ziganshin hatte die Rationen vorsichtshalber strikt rationieren lassen. Dabei fand die Crew auch einen Zeitungsbericht, der von sowjetischen Raketentests in dem Seegebiet berichtete, in dem sich die T-36 befand. Das bedeutete, dass sich vermutlich keine fremden Schiffe in die Nähe wagen würden.

11. Kurz vorm Verhungern

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Die nächsten Tage stellten die Crew der T-36 vor eine Prüfung. Die Rationen wurden immer knapper und eines der Crew-Mitglieder, ein Russe namens Fedotov, zeigte schwere Erschöpfungssymptome.

Die verbliebenen Crew-Mitglieder ließen ihre Rationen sicherheitshalber von Kapitän Ziganshin aufbewahren, die ohnehin schon knapp bemessen waren. Die Crew erhielt pro Tag nicht mehr als eine Schüssel Kartoffelsuppe mit Erbsen und Hirse sowie drei kleine Schlücke Wasser.

Selbst diese kleinen Rationen mussten nach ein paar Tagen noch einmal halbiert werden. Und die Zukunft sah für die Crew der T-36 immer schlechter aus. Alle waren in der Hoffnung, dass jemand zur Hilfe kommt.

12. Die amerikanische Staatsbürgerschaft

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Nach 49 Tagen waren die Rationen der Crew aufgebraucht. Als Kapitän Ziganshin und seine Männer die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten, sahen sie am Horizont endlich ein Schiff: die USS Kearsarge. So wurde die Crew der T-36 im letzten Moment gerettet. Von den Amerikanern an Bord der USS Kearsarge wurden die Russen mit Essen und Kleidung versorgt.

Wieder an Land angekommen, erhielten die vier Russen jeweils 100 US-Dollar, einen nagelneuen Anzug und freien Zutritt nach San Francisco. Man bot ihnen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft an, doch die vier Schiffsmänner wollten bald wieder in ihre Heimat abreisen und wieder bei ihren Familien sein.

13. Als Helden gefeiert

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Die Nachricht von der unerwarteten Rettung ging um die Welt. In den Zeiten des kalten Krieges war diese Art von Menschlichkeit zwischen Amerikanern und Russen eine echte Überraschung. Ziganshin und seine Crew waren sich nicht sicher, wie die Sowjetunion auf ihre Rettung reagieren würden. Doch die Bedenken waren unnötig: Wieder in ihrer Heimat angekommen, wurden Ziganshin und seine Crew als Kriegshelden gefeiert.

Die Geschichte der vier russischen Schiffsmänner, die 49 Tage in Seenot waren, bevor sie von amerikanischen Männern gerettet wurden, ist heute in jedem Geschichtsbuch zu finden und jeder hat davon gehört. Sie zeigt, dass Menschlichkeit auch in Krisenzeiten möglich ist.

Quellen

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