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Das Auswanderer-Drama auf der Galapagos-Insel Floreana

Das Auswanderer-Drama auf der Galapagos-Insel Floreana

Um die 1930er Jahre wanderten mehrere Deutsche und eine Österreicherin auf die unbewohnte Galapagos-Insel Floreana aus. Doch es kam zur Tragödie.Foto: dpa picture Alliance / Collage TRAVELBOOK

Selten schreibt das Leben Geschichten, die so spannend sind, dass sie eigentlich nur aus der Feder eines Krimi-Autors oder Schriftstellers sein können. Die Geschichte von Floreana, der südlichsten Insel im Galápagos-Archipel, ist so eine. Sie fährt wirklich alles auf, was die Unterhaltungsbranche sonst mühsam konstruiert: extravagante Protagonisten, ein exotisches Inselparadies als Schauplatz, erotische Verstrickungen, diverse mysteriöse Todesfälle, eine überschaubare Zahl von Verdächtigen und allerhand Rätselhaftes. TRAVELBOOK kennt die ganze, verworrene Geschichte.

Die Protagonisten

Die Erstsiedler – Friedrich Ritter und Dore Strauch

Friedrich Ritter und seine Geliebte Dore Strauch waren die ersten auf der bis dato unbewohnten Insel. Sie kamen im Jahr 1929 aus dem badischen Wollbach und hinterließen daheim jeweils Ehepartner, die wiederum ein Paar bildeten. Ritter und Strauch wollten auf Floreana ihren Traum von einem Leben fern der Zivilisation erfüllen. Friedrich Ritter, Jahrgang 1886 und ausgebildeter Arzt, hing seiner eigenen Naturphilosophie an. Er wollte beweisen, dass er ohne Fleisch auf dem Teller und Kleidung am Leib 140 Jahre alt werden könne. Um Karies und Co. vorzubeugen, ließen sich die beiden angeblich in Deutschland alle Zähne ziehen und ein Gebiss aus Edelstahl anfertigen, dass sie sich teilen wollten, für Notfälle. Schlussendlich ging jedoch keiner von Ritters Plänen auf. Er erreichte nicht das Alter von 140 Jahren, den Fleischverzicht gab er auf – und auch die Liebe wurde brüchig. Aber dazu später.

Das Auswanderer-Drama auf der Galapagos-Insel Floreana

Friedrich Ritter und Dore Strauch im Jahr 1932 auf FloreanaFoto: dpa picture Alliance

Die ersten Neuankömmlinge: Familie Wittmer

Heinz Wittmer, Jahrgang 1891, hatte in Köln im Sekretariat des Bürgermeisters Konrad Adenauer gearbeitet, als er fasziniert die Zeitungsartikel über Friedrich Ritter und seinen Aussteigertraum verfolgte. Schließlich beschloss er, mit seiner 14 Jahre jüngeren Frau Margret und deren Sohn Harry aus erster Ehe ebenfalls auf die Insel zu ziehen. Im August 1932 kamen sie nach Floreana und bezogen ein paar Höhlen auf einem Hügel – sehr zum Missfallen von Friedrich Ritter, der schließlich vor den Menschen geflohen war. Auch Dore Strauch, die sich im Gegensatz zu ihrem Mann nach anderen Menschen durchaus sehnte, war enttäuscht. Schließlich war Margret Wittmer nur eine gewöhnliche Hausfrau – ein Lebenskonzept, das Strauch zutiefst verabscheute.

Das Auswanderer-Drama auf der Galapagos-Insel Floreana

Die Wittmers vor ihrem Wohnhaus der auf Floreana im Jahr 1933Foto: dpa picture Alliance

Die „Baronin“ und ihre Geliebten

Wenige Monate nach den Wittmers trat die Baronin auf den Plan. Ob die Dame um die 40 namens Eloise Wagner de Bousquet tatsächlich adelig war, darf allerdings bezweifelt werden. Es geht auch das Gerücht um, dass sie Tänzerin in Konstantinopel war und zuvor Spionin im Ersten Weltkrieg. Jedenfalls gebärdete sie sich durchaus wie eine Baronin. In ihrem Gefolge: ihre beiden Liebhaber Rudolf Lorenz und Robert Philippson. Mit beiden Männern hatte sie zuvor eine Boutique in Paris geführt, jetzt wollten die drei ein Hotel für Millionäre auf Floreana aufbauen, eine Art „Miami für Galápagos“. „Hacienda Paradiso“ sollte das Hotel heißen.

Historische Filmaufnahmen von Ritter, Strauch, der Baronin und ihren Liebhabern:

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Die Tragödie nimmt ihren Lauf

Sorgte schon die Ankunft der Wittmers für Frust bei den Erstsiedlern, mit dem Erscheinen der Baronin und ihrer Liebhaber beginnt das eigentliche Drama. Der deutsche Autor Marcus Straub, der ein Buch über die Tragödie von Floreana geschrieben und sich umfassend mit den Vorkommnissen befasst hat, berichtet TRAVELBOOK von den ersten Streitigkeiten mit der Baronin: „Das fing alles an damit, dass die Baronin bereits bei ihrer Ankunft ein Päckchen mit Briefen für den Doktor Ritter dabei hatte. Und diese Briefe waren alle geöffnet, es haben Fotos gefehlt, vermutlich auch ein paar Geldscheine. Man unterstellte der Baronin sofort, dass sie es war, die die Briefe geöffnet hat.“

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Auch ansonsten war die Dame offenbar auf Krawall gebürstet: Sie beschlagnahmte Vorräte, kontrollierte die Post, okkupierte die Süßwasserquelle, fuchtelte mit Reitpeitschen und Pistolen. Auch für den Tod von Dore Strauchs geliebtem Esel wird sie verantwortlich gemacht. So abgöttisch wie sie von ihren Liebhabern geliebt wurde, so sehr gehasst wurde sie von den anderen Insulanern.

Auch untereinander gab es Streit

Doch auch in der Ménage-à-trois war die Welt nicht in Ordnung. Die Baronin behandelte den blonden Lorenz zunehmend wie einen Sklaven. Zusätzlich prügelte sein Rivale auf ihn ein. Immer öfter floh der Erniedrigte zu den Wittmers, wo er über sein Leid klagte und fürchtete, die Baroness und Philippson wollten ihn umbringen.

Auch unter den drei Frauen gab es Rivalitäten. So hatte es sich zum Beispiel Herr Wittmer angewöhnt, die Sonntage bei Dore Strauch zu verbringen, was Margret gar nicht gefiel. Und obwohl der Arzt nicht müde wurde, seine tiefe Abneigung gegen die Baroness zu bekunden, hält er auf einem Foto doch einen Arm um sie und schaut sie fast liebevoll an.

Überhaupt hatte sich Ritter immer mehr von seiner Dore abgewandt. Von Liebe war bald keine Spur mehr. So wunderte sich etwa die Familie zu Hause in Deutschland, dass sich Ritter in seinen Briefen über seine Geliebte nur noch beschwerte und kein gutes Haar an ihr ließ. Auf der Insel mussten denn auch die anderen Bewohner immer häufiger Zeuge werden, wie der Arzt seine Gefährtin, die an Multipler Sklerose litt, gar misshandelte.

Drei Personen verschwinden, einer wird vergiftet

Eines Tages im März 1934 erschien die Baroness bei Margret Wittmer und erklärte, sie werde Floreana verlassen und in der Südsee neu anfangen. Tatsächlich verschwanden sie und Philippson noch am selben Tag – allerdings wohl nicht auf dem Seeweg. Ein Boot wurde in jenen Tagen nicht gesichtet. Und als die anderen Inselbewohner das Anwesen der Baroness aufsuchten, fanden sie alles unverändert vor. Sogar ihr Glücksbringer, das Buch „Das Bildnis des Dorian Gray“, ohne den sie nie eine Reise antreten würde, lag neben dem gefüllten Aschenbecher auf dem Tisch.

Wenige Monate nach dem Verschwinden der Baronin und Philippson verließ auch Rudolf Lorenz die Insel. Er wollte zurück nach Deutschland und heuerte den Norweger Trygve Nuggerud an. An einem Freitag, den 13., stachen sie in See – und verschwanden ebenfalls spurlos. Im November erst fand man die fast mumifizierten Leichen der Männer auf einer unbewohnten Nachbarinsel. Sie waren offenbar verdurstet.

Als man die Männer fand, hatte sich auch auf der Insel die Zahl der Bewohner bereits weiter reduziert. Im November war der Vegetarier Dr. Ritter gestorben – an einer Fleischvergiftung. Zubereitet hatte das Hühnchen Dore Strauch, und dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein muss, ging schließlich auch dem Arzt im letzten Augenblick auf. Da das Gift sein Gesicht lähmte und er nicht mehr sprechen konnte, schrieb er angeblich seine letzten Worte auf einen Zettel: „Ich verfluche dich in meinem letzten Atemzug.“ Dore Strauch verließ nach dem Tod Ritters die Insel Richtung Deutschland, wo sie wenige Jahre später starb.

Wie starben die Baronin und Philippson?

Auf einmal waren die Wittmers allein auf der Insel. Und natürlich drängt sich die Frage auf: Hatten sie die Morde an der Baronin und ihrem Lover begangen? War es eher Lorenz? Oder Ritter? Oder beide zusammen? Buchautor Marcus Straub hat eine andere Theorie: „Ich behaupte zu wissen, dass es sich eben nicht um einen vorsätzlichen Mord gehandelt hat. Dass es nie einen vorsätzlichen Mord auf Floreana gegeben hat, sondern dass es sich um eine Kombination aus Unfall und Notwehrhilfe gehandelt hat.“

Er glaubt, die inzwischen zu Rivalen gewordenen Liebhaber der Baronin könnten sich gestritten haben, und als diese habe schlichten wollte, sei sie unglücklich gestürzt und habe sich den Kopf aufgeschlagen. In der Folge habe ein anderer Insel-Bewohner – vermutlich Heinz Wittmer – die Streithähne durch einen Warnschuss auseinanderbringen wollen. Es habe sich versehentlich ein weiterer Schuss gelöst und Philippson sei dabei tödlich getroffen worden.

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Nach Floreana kommen nicht viele Besucher, es heißt, auf der Insel laste ein FluchFoto: Getty Images

Es folgen weitere Todesfälle

Was damals wirklich passiert ist, weiß man nicht und wird es nie erfahren. Fakt ist, dass die mysteriösen Todesfälle weltweit für Aufsehen sorgten. So verfasste etwa der Schriftsteller Georges Simenon, der sich gerade in der Nähe aufhielt, einige Artikel über die Affäre, die im „Paris-Soir“ veröffentlicht wurden. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt begab sich auf einer Südamerika-Reise eigens nach Floreana, um die Wittmers zu befragen. Und natürlich wurde in zahlreichen Zeitungen von der rätselhaften Geschichte berichtet – und aus Ermangelung an Fakten dabei auch die Fantasie bemüht. Immer wieder war von einem Fluch die Rede, der auf Floreana laste.

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Da könnte tatsächlich etwas dran sein: Denn die Unglücksserie war mit den Ereignissen aus den frühen 1930ern lange nicht zu Ende. So ertrinkt Harry Wittmer 1951 bei einem Bootsunfall, gerade mal 33 Jahre alt. 1969 verschwindet der Ehemann von Ingeborg, Margrets Tochter, bei einem Jagdausflug, seine Leiche wird nie gefunden. Und als in den 60er-Jahren eine Gruppe amerikanischer Touristen ins Hochland wandert und eine der Frauen zurückbleibt, ward sie danach nie wieder gesehen.

Margret Wittmer war am Ende die einzige, die wirklich alt wurde auf der Insel. Insgesamt 68 Jahre lebte sie auf Floreana, 95 Jahre alt war sie, als sie 2000 starb. Und letztlich war sie es, die ein Hotel eröffnen sollte – wenn auch nicht für Millionäre: die Wittmer Lodge. Heute wird es von ihrer Tochter Ingeborg, im April 1937 geboren, betrieben, die allerdings ungern über die Ereignisse von damals spricht: „Lesen Se dat Buch meiner Mutter, da steht allet drin“, blaffte sie eine Autorin der „Welt“ an.

Das Auswanderer-Drama auf der Galapagos-Insel Floreana

Margret Wittmer mit 80 Jahren auf Floreana, aufgenommen im Jahr 1984Foto: dpa picture Alliance

Das Drama fasziniert die Welt

Und das Buch der Hotelgründerin – Margret Wittmer, „Postlagernd Floreana – Erlebnisbericht deutscher Siedler“ – ist natürlich die beste Urlaubslektüre für einen Ausflug auf die Galápagos-Inseln, weshalb übrigens das Fremdenverkehrsamt es auch lange als Werbemittel einsetzte. Es ist vielleicht das erfolgreichste (weltweit wurde es zum Bestseller), aber nicht das einzige Buch, das über die Galápagos-Affäre geschrieben wurde. So hatte auch Dore Strauch vor ihrem Tod ihre Erinnerungen niedergeschrieben. Und zahlreiche Schriftsteller ließen sich von den Vorfällen auf Floreana inspirieren, wie eben auch der Deutsche Marcus Straub.

Dass es überhaupt zu diesem Drama kommen konnte, wundert den Buchautor übrigens keineswegs: „Drei unterschiedliche Parteien mit so unterschiedlichen Zielen auf einer kargen Insel, wo es kaum Trinkwasser gibt – dass das nicht gutgehen konnte, was mehr oder weniger abzusehen. Dazu kam eben, dass sich auch innerhalb der jeweiligen Parteien innere Konflikte gebildet haben. Bis auf die Wittmers, die haben scheinbar immer zusammengehalten und das hat dann wohl auch letztlich dazu geführt, dass sie die einzigen Überlebenden dieses Dramas waren.“

Drama wurde verfilmt

Zuletzt kam diese unglaubliche Geschichte denn auch endlich auf die große Leinwand: als Zweistunden-Doku mit prominenter Beteiligung. So liest Cate Blanchett Passagen aus dem Buch der Dore Strauch. Diane Krüger spricht Margret Wittmer, und Sebastian Koch zitiert aus den Briefen von Friedrich Ritter. 2014 lief der Film „Galapagos Affair“ auf der Berlinale.

Gleich zu Beginn wird hier übrigens die Erklärung für die Tragödie auf Floreana geliefert. Schuld waren angeblich die Galápagos-Schildkröten: Nach einer Legende würden diese nämlich jeden mit einem Fluch belegen, der mit bösen Absichten auf die Inseln kommt.

Das Auswanderer-Drama auf der Galapagos-Insel Floreana

Mit den Galápagos-Schildkröten ist nicht zu spaßenFoto: Getty Images

Anreise nach Floreana

Zwei Stunden braucht die Fähre „Luna Azul“ von Puerto Ayora auf der Hauptinsel Santa Cruz bis nach Floreana. Zweimal im Monat steuert die „Silver Galapagos“ die Insel an, für wenige Stunden.

Quellen

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