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Die schaurige Geschichte des „Bikini-Killers“, der auf dem Hippie-Trail mordete

Die schaurige Geschichte des „Bikini-Killers“, der auf dem Hippie-Trail mordete

Charles Sobhraj gilt als einer der schlimmsten Serienmörder in Asien und sitzt noch heute in Kathmandu im GefängnisFoto: Collage / Getty Images

Sie wollen diese Geschichte lieber hören, statt sie zu lesen? Kein Problem. In der ersten Folge unseres neuen True-Crime-Podcasts „Tatort Reise“ sprechen wir darüber und lassen Experten zu Wort kommen.

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Raus aus dem Heimatland, reisen, die Welt sehen, etwas erleben –  Gedanken, die noch heute viele Backpacker haben, machten sich auch die jungen Hippies in den 1960er- und 1970er-Jahren, die mit dem Rucksack von Europa nach Asien reisten. Auf dem sogenannten „Hippie Trail“. Der hatte einst viele Stationen: Teheran im Iran, Kabul in Afghanistan, Kathmandu in Nepal, Goa in Indien und Bangkok in Thailand gehörten zu den beliebtesten.

„Wenn man ehrlich ist, waren wir damals eigentlich Massentouristen, die einfach anders reisten. Man war immer auf der gleichen Route unterwegs, man traf auch immer die gleichen Leute“, erinnert sich Detlef Fritz, Autor des Buchs „Hippie-Trails: Reiselegenden und ihre Geschichte“, der einst selbst auf dem Hippie Trail reiste, im Gespräch mit TRAVELBOOK. Zu diesen Leuten zählten nicht nur spätere Berühmtheiten wie etwa Steve Jobs, sondern auch viele junge Erwachsene aus aller Welt, die einfach eine Auszeit wollten. Eine von ihnen: die US-Amerikanerin Teresa Knowlton aus Kalifornien.

Die schaurige Geschichte des „Bikini-Killers“, der auf dem Hippie-Trail mordete

Drogen und Alkohol waren weit verbreitet

Die damals 21-jährige Knowlton wollte auf dem Hippie Trail laut „Independent“ zum Buddhismus finden. Ihr Startpunkt. Bangkok. Ihr Ziel: Kathmandu. Doch sie sollte Nepals Hauptstadt nie erreichen. Im Oktober 1975 finden Fischer am Strand von Pattaya Knowltons Leiche, bekleidet nur mit einem geblümten Bikini. In den folgenden Jahren gibt es weitere Morde an Rucksacktouristen auf dem Hippie-Trail. Oft sind die Opfer Frauen, in ihrem Blut finden sich Abführ- und Rauschmittel.

Zunächst sind die Behörden der Länder entlang des Hippie-Trails wenig alarmiert, ungeklärte Todesfälle werden oft auf Drogen und Alkohol zurückgeführt. Tatsächlich waren die Reisenden auf dem Hippie-Trail damals nicht nur auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung. Detlef Fritz erinnert sich: „Drogen spielten ehrlicherweise auch eine Rolle. Haschisch spielte damals auf der Route die gleiche Rolle wie heute auf dem Ballermann die Sangria.“

Doch bei den toten Frauen lag es weder an zu viel Drogen- noch Alkohol-Konsum. Sie wurden vergiftet. Von einem Mann namens Charles Sobhraj.

Charles Sobhraj – ein mordender Menschenversteher

Sobhraj wurde in Saigon während der französischen Kolonialzeit geboren. Sein Vater war ein indischer Textilhändler, die Mutter Vietnamesin. Seine Mutter verließ den Vater und heiratete einen Franzosen, wodurch Charles Sobhraj letztendlich nach Frankreich kam.

Schon früh ist Sobhraj dort als Berufskrimineller unterwegs. Wie der „Spiegel“ berichtet, verübt er Einbrüche, klaut Autos und Juwelen, landet immer wieder im Gefängnis. Dabei kommen Sobhraj zwei Dinge zugute: sein gutes Aussehen und sein außergewöhnliches Charisma. „Charles Sobhraj ist sehr charmant, er hat etwas Faszinierendes: Nicht nur ist er hochgebildet – er spricht 15 Sprachen – er kann auch seine Persönlichkeiten wechseln. Mal ist er ein französischer Akademiker, mal ein vietnamesischer Edelsteinhändler“, berichtet Tom Vater, ein deutscher Journalist, der in Südostasien lebt und Sobhraj zweimal interviewte, im Gespräch mit TRAVELBOOK.

Die schaurige Geschichte des „Bikini-Killers“, der auf dem Hippie-Trail mordete

Drogen spielten bei den Reisenden auf dem Hippie Trail eine große Rolle. Hier eine Gruppe junger Erwachsener etwa 1970 im indischen Goa. Foto: Getty Images

Sobhraj und seine Komplizen sind auf Pässe und Wertgegenstände aus

Sobhraj ist hochmanipulativ und schafft es in seiner langen Karriere als Berufskrimineller immer wieder, Menschen in seinen Bann zu ziehen und zu seinen Komplizen zu machen. Schon früh manipuliert er seinen jüngeren Bruder, später bringt er ihn sogar dazu, eine Gefängnisstrafe für ihn abzusitzen. Auch die Frauen in seinem Leben, etwa seine erste Ehefrau Chantal Compagnon und seine spätere Geliebte Marie-Andrée Leclerc, unterstützen ihn und helfen ihm vereinzelt bei seinen Verbrechen. Aber auch Männer, etwa der Gelegenheitsdieb Ajay Chowdhury, verfallen ihm. Um sich herum baut er einen Kult aus ihm hörigen Komplizen, mit denen er Raubzüge plant.

Dabei hat er es vor allem auf Reisende auf dem Hippie-Trail abgesehen, deren Wertgegenstände und Pässe er rauben möchte. Denn im Gegensatz zu anderen Serienmördern geht Sobhraj bedacht, kalkuliert und eiskalt vor. Nach Teresa Knowlton vergiftet er weiter gutgläubige Hippies und kann zunächst weitermorden, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen. Er verübt seine Taten in Thailand, in Nepal, in Indien; seine Opfer sind Reisende aus den USA, Kanada, Frankreich, Indien oder Israel.

Doch nachdem immer mehr Fälle in Südostasien auftreten, gerät der skrupellose Sobhraj doch noch in das Visier der Behörden – und erhält seinen ersten Spitznamen. Als man nach Knowlton noch eine weitere ermordete Frau in einem Bikini findet, wird er zum „Bikini-Killer“.

Wie der „Bikini-Killer“ zur „Schlange“ wurde

Bald wird er noch unter einem anderen Namen bekannt: „The Serpent“, die Schlange. Denn der ebenso charmante wie skrupellose Sobhraj schafft es immer wieder, sich aus den Fängen der Behörden zu winden. Zugute kommt ihm, dass er ein früher Kosmopolit ist. Sobhraj wechselt die Länder wie andere ihre Kleidung. Innerhalb weniger Jahre lebt er in Indien, Thailand, Nepal, der Türkei, Griechenland, Frankreich und sogar in Dänemark.

In dieser Zeit wird er zwar mehrfach festgenommen, zum Beispiel in Griechenland und Indien, kann jedoch immer wieder durch Listen entkommen. Einmal gaukelt er eine falsche Identität vor. Ein anderes Mal vergiftet er die Gefängniswärter, die er mit seinem Charme um den Finger wickelt.

Erst im Juli 1976 wird Sobhraj in Neu-Delhi endgültig verhaftet, als er mehrere Personen einer Gruppe Studenten vergiften will. Das Gift wirkt zu schnell und die Polizei kann informiert werden. Sobhraj wird festgenommen. Schließlich verurteilt man ihn in einem Aufsehen erregenden Prozess wegen des Mordes an mindestens acht Menschen zu zwölf Jahren Gefängnis. Hier könnte die Geschichte zu Ende sein – doch auch in diesem Fall konnte sich die „Schlange“ herauswinden.

Was wurde aus Charles Sobhraj?

Während seiner Zeit im gefürchteten Tihar Jail, dem größten Gefängnis in Neu-Delhi, führte Sobhraj ein Leben wie ein Prominenter: Er gab Journalisten aus aller Welt Interviews, ließ sich in dem sonst für seine furchtbaren Haftbedingungen bekannten Gefängnis Fernseher und Gourmet-Essen in seine Zelle liefern und freundete sich mit den Gefängniswärtern an, wie unter anderem die „India Times“ berichtete. An seinem zehnten Haft-Jubiläum gelingt ihm dann sogar der Ausbruch aus dem Tihar Jail.

Journalist Tom Vater erzählt: „Eines Nachts hat er eine Party gefeiert, seine Wächter mit der Torte vergiftet und ist einfach abgehauen.“ Einige Wochen später ließ er sich dann absichtlich wieder verhaften. Der Grund: Er entging so der Todesstrafe. „Er wusste, dass wenn er von den Indern entlassen wird, man ihn nach Thailand ausliefert. Und dort hätte ihm wegen der Bikinimorde damals die Todesstrafe gedroht.“ So lieferte sich Sobhraj selbst aus und wurde nach weiteren zehn Jahren im Gefängnis in Neu-Delhi 1997 freigelassen und kehrte nach Frankreich zurück.

Die schaurige Geschichte des „Bikini-Killers“, der auf dem Hippie-Trail mordete

Charles Sobhraj im Jahr 1996 mit seinem VerteidigerFoto: dpa picture alliance

Dort verbrachte er einige Jahre in Freiheit, bis er einen folgenschweren Fehler beging: Er verließ Frankreich und reiste nach Kathmandu. Dort wurde er, laut „BBC“ wegen eines falschen Passes verhaftet. Weil Sobrajh in Nepal nie für seinen Taten vor Gericht stand, muss er sich nun für die dort begangenen Morde verantworten und wird 2004 zu lebenslanger Haft verurteilt. Brisant: Da er nie wieder nach Thailand einreiste, konnte er auch nie für seine dort begangenen Taten belangt werden.

Der Tag, als ich Charles Sobhraj traf

Ende 2003 war ich als Journalist für den Far Eastern Economic Review, eine englischsprachige Zeitschrift für Wirtschaft und Politik, mit dem kanadischen Fotografen Steve Sandford in Nepal unterwegs, um über den Bürgerkrieg und Flüchtlinge aus Tibet zu berichten. Nach einer Woche im Kampfgebiet kamen wir kurz vor Weihnachten nach Kathmandu, die Hauptstadt von Nepal. Ich las in der Zeitung, dass Charles Sobhraj gerade verhaftet worden war. Man legte ihm zwei Morde zur Last, die er in den frühen 70er-Jahren in der Freak Street, dem damaligen Sammelpunkt für Hippies aus Europa und den USA, begangen haben sollte. Schon Jahre zuvor hatte ich in Indien unglaubliche Berichte über den Serienmörder gehört.

Mein Kontaktmann in Kathmandu hatte gute Beziehungen zum Innenminister, und nach zwei Tagen betraten wir eine kleine, kalte, schmutzige Besuchszelle im Central Jail. Besucher mussten sich auf eine Betonbank setzen und blickten auf die den Raum teilende Mauer, die von einem Maschendrahtzaum gekrönt war. Der obere Rand der Mauer befand sich damit etwa auf Augenhöhe der Besucher. Die Inhaftierten – auch Charles Sobhraj – wurden, an Händen und Füßen gefesselt, in den hinter der Mauer liegenden Raum geführt. Ich erklärte ihm, wo ein etwaiges Exklusivinterview veröffentlicht würde und bat um sein Einverständnis.

Vom ersten Augenblick unserer beiden Begegnungen an versuchte Sobhraj, das Gespräch an sich zu reißen. Er forderte ein paar Tage Bedenkzeit, da er sich in Untersuchungshaft befand, d. h. noch nicht verurteilt war. Zwei Tage später saßen wir in derselben Zelle, und Sobhraj wurde – wieder in Handschellen und Fußfesseln – von drei Gefängniswärtern hereingeführt. Auch neben uns saßen zwei Wärter. Notizen oder Aufnahmen des Gesprächs waren untersagt.

Augenblicklich begann Sobhraj, die Anklagepunkte auseinanderzunehmen und zu entkräften. Er war damals 58 Jahre alt und hatte eine eigentümliche Art, sich mitzuteilen. Er jonglierte mit wechselnden Identitäten, die alle auf seinem familiären Hintergrund beruhten. Aber man bekam keine Information über den Menschen, mit dem man tatsächlich sprach. So erschien er mir wahlweise als vietnamesischer Edelsteinhändler, als französischer Akademiker oder als indischer Textilverkäufer – letzteres war der Beruf seines Vaters gewesen. Vehement bestritt er, jemals vor seiner Festnahme in Nepal gewesen zu sein und kritisierte die Justiz des Landes als hoffnungslos veraltet und inkompetent und prahlte, in drei Monaten werde er wieder auf freiem Fuß sein. Auf die ihm zur Last gelegten Morde ging er natürlich nicht ein, schon wegen der Wärter, die sich kein Wort unserer Unterhaltung entgehen ließen. Andererseits zitierte er frei und ungebremst aus den beiden auf Englisch erschienenen Biografien über ihn.

Ich hatte das Gefühl, dass er die Aufmerksamkeit in den lokalen Medien und unser Treffen ungemein genoss. Seine aufdringlich gesellige Art hatte in seiner Jugend vermutlich zu seiner Popularität bei Hippies beigetragen. An diesem kalten Tag im Dezember 2003, zwei Tage vor Weihnachten, kamen mir sein Erzähltalent und sein Geplauder einfach weltfremd vor. Verzweifelt war er allerdings nicht. Wenige Monate nach meinem Interview wurde der Serienmörder Charles Sobhraj zu lebenslänglicher Haft in Nepal verurteilt.

Tom Vater, Journalist und Autor

Das Vermächtnis des Hippie Trails

Als Sobhraj schließlich für seine Morde verurteilt wurde, war der legendäre Hippie Trail längst Geschichte. Die Route entlang der alten Seidenstraße, die so viele junge Erwachsene einst prägte, konnte bereits Ende der 70er-Jahre nicht mehr bereist werden. Als es im Jahr 1979 zur Islamischen Revolution im Iran und zum Einfall der Sowjetunion in Afghanistan kam, wurde die Route unpassierbar.

Dennoch festigte der Hippie Trail nicht nur den Mythos von Hippies, die frei und ungebunden in ihren VW-Bussen reisten, sondern legte auch den Grundstein für alle Backpacker, die noch heute auf Sinnsuche durch Asien reisen. Ein Relikt aus dieser Zeit ist einer der bekanntesten Reiseführer der Welt, der „Lonely Planet“, dessen erste Ausgabe die Hippie-Trail-Reisenden Tony und Maureen Wheeler 1973 veröffentlichten.

„The Serpent“ – Charles Sobhraj Geschichte auf Netflix

Auch von Charles Sobhraj gibt es heute noch Relikte. Seine schaurige Geschichte ging um die Welt und wurde in mehreren Dokumentationen und Büchern erzählt. Der jüngste Coup: Eine Co-Produktion der BBC mit dem Streaminganbieter Netflix. Die 8-teilige Dramaserie „The Serpent“ feierte am 1. Januar 2021 auf BBC One Premiere und erscheint als „Die Schlange“ am 2. April in Deutschland auf Netflix.

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In der Serie, die zum Großteil in Thailand gedreht wurde, wird der Fokus vor allem auf das Katz-und-Maus-Spiel von Charles Sobhraj und dem niederländischen Diplomaten Herman Knippenberg gelegt. Knippenberg trug einst maßgeblich zu der Verhaftung von Sobhraj bei. Anzumerken ist allerdings, dass die Serie zwar bedeutende Eckpunkte aus Sobhrajs Geschichte aufnimmt und auch viele Charaktere, wie etwa seine Komplizen Marie-Andrée Leclerc und Ajay Chowdhury, auftauchen. Aber es gibt auch einige Freiheiten in der Handlung. Zudem wurden die Dialoge frei erfunden.

Auch wenn „The Serpent“ somit keine Dokumentation des Falls darstellt, gibt die Serie doch einen Einblick in Sobhrajs Denkweise – und beweist einmal mehr, dass er auch heute noch auf schaurige Art fasziniert.

Quellen

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