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Trotz Corona – wieder Ansturm auf dem Mount Everest

Trotz Corona – wieder Ansturm auf dem Mount Everest

Wunderschön, aber lebensgefährlich: Der Mount Everest zieht Menschen aus der ganzen Welt anFoto: Getty Images

Trotz der Corona-Pandemie wollen jetzt Dutzende Bergsteigerinnen und Bergsteiger auf den höchsten Punkt der Erde. Unter ihnen ist auch ein Prinz aus dem Königreich Bahrain und eine Katarerin, die als erste Frau ihres Landes die 8848,86 Meter hohe Spitze des Mount Everests erklimmen will. Noch vor einem Jahr hatte die Regierung Nepals den Everest kurz vor Saisonbeginn dicht gemacht – wegen Corona. Doch nun sind die Abenteurerinnen und Abenteurer aus dem Ausland wieder sehr willkommen.

TRAVELBOOK weiß, was die Mount-Everest-Touristen erwarten wird.

Übersicht

  • Die ersten Besteigungen des Mount Everest
  • Schon das Base Camp liegt auf mehr als 5000 Metern
  • Der lebensgefährliche Aufstieg dauert mehr als einen Monat
  • Hunderte Todesfälle bei der Besteigung
  • Die Leichen weisen den Weg zum „Dach der Welt“
  • Die Legende von „Green Boots“
  • Kritik an der Kommerzialisierung
  • Neuer Vorschlag soll Bergsteiger auf dem Mount Everest besser schützen

Die ersten Besteigungen des Mount Everest

Die einen sagen, es sei der schönste Augenblick ihres Lebens gewesen, ein wahr gewordener Traum. Die anderen berichten von Leichen, die den Weg pflastern, von Chaos und von der Angst einzuschlafen, weil sie befürchteten, nie wieder aufzuwachen. Eindrücke, die eine Besteigung des Mount Everest hinterließ.

Einmal auf den Gipfel des höchsten Berges der Welt steigen: Diesen Wunsch hatten schon viele. Erste Versuche gab es schon in den 1920er Jahren. Damals entdeckte der Brite George Mallory eine erste Route zum Gipfel, die machbar erschien. Das ist übrigens die Route, die heute am meisten kommerziell genutzt wird. Doch 1924 starben sowohl Mallory als auch sein Begleiter Andrew C. Irvine bei der Besteigung. Mallorys Leiche wurde erst 1999 gefunden. Noch heute ist unklar, ob er es zum Gipfel schaffte.

Wenn es so wäre, wäre er der erste Bezwinger des Mount Everest gewesen – und nicht Edmund Hillary und Tenzing Norgay, die es erst 1953 zum Gipfel schafften und mit der Erstbesteigung in die Geschichte eingingen. So oder so zeigt schon der lange Zeitraum zwischen dem ersten Versuch und der ersten erfolgreichen Gipfelbesteigung, wie anspruchsvoll und auch gefährlich es ist, auf das Dach der Welt zu steigen.

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Tatsächlich gab es bis 1980 nur 99 Menschen, die es bis zum Gipfel geschafft hatten. Darunter war auch Reinhold Messner, der den Mount Everest Anfang der 70er Jahre als erster Mensch ohne zusätzliche Sauerstoff-Unterstützung bezwang. Nach den 80er Jahren schien die Zahl der Everest-Expeditionen zu explodieren: In den 90er Jahren erreichten erstmals 100 Menschen pro Jahr den Gipfel – also mehr als in den 30 Jahren nach der Erstbesteigung insgesamt.

Dabei ist eine Expedition alles andere als günstig. Im Durchschnitt zahlt man etwa 50.000 Euro, nicht wenige zahlen für ihre Expedition sogar mehr als 90.000 Euro – nach oben gibt es kaum Grenzen. Die bisherige Rekordsaison war 2018: Damals hatten 807 Menschen den höchsten Berg der Welt erklommen. Es ist wahrscheinlich, dass 2019 dieser Rekord getoppt wurde, alleine auf der nepalesischen Seite rechnet man mit rund 750 Menschen, auch wenn genaue Zahlen bisher nicht vorliegen. Doch wie funktioniert eigentlich so ein Aufstieg?

Trotz Corona – wieder Ansturm auf dem Mount Everest

Das südliche Base Camp auf der nepalesischen Seite Foto: Getty Images

Schon das Base Camp liegt auf mehr als 5000 Metern

Vom Fuß des Berges bis zum Gipfel gibt es mehrere Lager, die sogenannten Camps. Die ersten sind das nördliche und das südliche Base Camp (Basislager). Das südliche Base Camp auf der nepalesischen Seite ist bei Touristen besonders beliebt. Es liegt auf einer Höhe von 5365 Metern. Zum Vergleich: Der höchste Berg der Alpen, der Montblanc, ist 4810 Meter hoch.

Alleine das Base Camp zu erreichen ist von Lukla, dem Städtchen, wo sich der nächstgelegene Flughafen befindet, mit etwa fünf bis sechs Tagen Dauer nicht nur recht zeitaufwändig, sondern auch körperlich sehr anstrengend. Viele ungeübte Bergsteiger müssen schon diese Expedition abbrechen. Trotzdem ist dieser Part noch der einfachste Teil einer Besteigung, alleine 2015 nahmen knapp 40.000 Touristen die Strapazen auf sich.

Nach dem Basislager folgen noch vier weitere Camps: Camp 1 auf 5943 Metern, Camp 2 auf 6400 Metern, Camp 3 auf 7162 Metern und Camp 4 auf 8000 Metern.

Vom ersten Basecamp aus starten die Expeditionen zum Gipfel. Auf der Südroute, der Standardroute, geht es zunächst in den Khumbu-Eisbruch. Hier fällt das Gletschereis in einer Spalte bis zu 600 Meter ab – überquert wird sie auf Leitern. Wer diesen Part überwunden hat, durchquert das Tal des Schweigens sowie die Lhotse-Flanke und gelangt schließlich zum Südsattel, der auf 8000 Metern liegt. Dort befindet sich das vierte Basecamp, von dem aus es direkt zum Gipfel geht.

Trotz Corona – wieder Ansturm auf dem Mount Everest

Der Khumbu Eisfall am Mount Everest, wie er mit einer Leiter (!) bezwungen wirdFoto: Getty Images

Normalerweise brauchen Bergsteiger für diese letzte Etappe nur noch wenige Stunden. Doch der Weg kann nur in einem kurzen Zeitfenster beschritten werden, den „Fenstertagen“. Sie treten, wenn überhaupt, im Frühjahr zwischen April und Mitte Juni auf. Es gibt jedoch auch Jahre, in denen es niemand zum Gipfel schafft, zum Beispiel 2015, als ein schweres Erdbeben Nepal erschütterte.

Der lebensgefährliche Aufstieg dauert mehr als einen Monat

Kaum zu glauben, aber der gesamte Aufstieg dauert insgesamt durchschnittlich 60 (!) Tage. Das liegt nicht nur an der langen und schwierigen Strecke, sondern auch daran, dass sich die Teilnehmer erst in der Höhe akklimatisieren müssen, um nicht Opfer der gefürchteten Höhenkrankheit zu werden. Dafür gibt es zwei Methoden: Zum einen dürfen nur wenige Höhenmeter pro Tag zurückgelegt werden, zum anderen müssen Kletterer teilweise die Strecken, die zuvor erklommen wurden, noch einmal herab- und wieder heraufsteigen. Mit einem sogenannten Hypoxie-Zelt, das die geringe Sauerstoffsättigung nachahmt, kann man sich schon vor der Besteigung zu Hause vorbereiten und somit einige Tage sparen.

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Aber auch das verhindert nicht die Gefahr der sogenannten Todeszone, in der sich Bergsteiger ab dem vierten Camp befinden. Hier wird es akut lebensgefährlich. In dieser Höhe ist das Risiko, an der Höhenkrankheit oder einem Ödem zu sterben, sehr groß. Der Grund: Der Sauerstoffgehalt in dieser Höhe ist zu gering für den menschlichen Körper. Auch deswegen wird die letzte Etappe zum Gipfel an einem Tag umgesetzt. Dafür wandern die Bergsteiger schon früh morgens los. Umso dramatischer ist es, wenn man sich in der Todeszone länger als nötig aufhalten muss. Das passiert allerdings immer wieder – und dafür gibt es zwei Ursachen.

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Hunderte Todesfälle bei der Besteigung

Die eine Ursache sind zu lange Wartezeiten. Denn auch wenn es unglaublich erscheint, ist der Andrang zum Gipfel manchmal so groß, dass die Bergsteiger auf der letzten Etappe zum Gipfel zu lange in eisigen Temperaturen warten müssen. Genau das geschah 2019 zwei Mal, wie TRAVELBOOK berichtete. Als es im Frühling 2019, ganz oben in der Todeszone, wo der menschliche Körper abbaut und sich nicht erholen kann, einen Stau gab, starben elf Menschen. Ein Foto des Staus ging um die Welt – und brachte der nepalesischen Regierung Kritik, dass sie zu viele Menschen nach oben ließ, die nicht geeignet für das Abenteuer waren. Der Grund war, dass es im vergangenen Jahr nur zwei Fenstertage gab, 2018 waren es elf gewesen.

Trotz Corona – wieder Ansturm auf dem Mount Everest

Schlange stehen um auf den Gipfel des Mount Everest zu kommen: das ist keine Seltenheit mehr Foto: Getty Images

Eine zweite Ursache ist Unerfahrenheit. Viele Trekking-Touristen unterschätzen den Abstieg zurück zum nächsten Base Camp, der noch einmal genauso kräftezehrend wie der Aufstieg ist. In beiden Fällen ist die Situation mindestens lebensbedrohlich und oft sogar tödlich. Alleine 2019 sind elf Menschen auf dem Weg zum Gipfel gestorben, acht Personen werden bis heute vermisst. Traurige Gesamtbilanz: Seit der ersten Besteigung gibt es mehr als 300 Todesfälle.

Die Leichen weisen den Weg zum „Dach der Welt“

Der erfahrene Bergsteiger Elia Saikaly beschrieb 2019 drastisch auf seinem Instagram-Kanal: „Tod. Massensterben. Chaos. Warteschlangen. Leichen auf dem Weg und im Camp 4.“ Auch der deutsche Bergsteiger Luis Stitzinger berichtete auf BILD: „Ich selbst habe sechs Tote gezählt.“ Besonders verstörend: Viele der Leichen liegen noch immer am Wegesrand, konserviert und tiefgefroren. Denn die Bergung auf dem Dach der Welt ist kompliziert.

So seien für die Bergung einer einzigen Leiche sechs bis acht Sherpas notwendig, erkärt der Bergführer Kari Kobler, der selbst schon 17 Everest-Expeditionen leitete, der Schweizer Zeitung „Blick“. Das liegt daran, dass die gefrorenen Leichen schwerer werden, bis zu 150 Kilo. So makaber es sein mag, aber einige der Leichen sind mittlerweile sogar so bekannt, dass sie zu Legenden geworden sind – und zu Wegweisern.

Die Legende von „Green Boots“

Kaum eine Everest-Leiche ist so bekannt wie „Green Boots“. Sie trägt einen roten Fleecepulli und bekam ihren Namen wegen der leuchtend grünen Bergstiefel. Seit 20 Jahren liegt sie in etwa 8500 Metern auf dem Everest. Sie ist ein wichtiger Wegweiser auf der Nordroute. Etwa 80 Prozent der Bergsteiger, die sich für die Nordroute entscheiden, machen außerdem in der Höhle „Green Boots Cave“ eine Pause, wie der irische Abenteurer und Filmemacher Noel Hanna der „BBC“ sagte.

Die Identität von „Green Boots“ ist bis heute nicht geklärt. Allerdings geht man mittlerweile davon aus, dass es sich um den indischen Bergsteiger Tsewang Paljor handelt, der bei seiner Expedition die gleichen grünen Stiefel trug. Er ist einer der acht Toten des „Mount Everest Desasters von 1996“, als Bergsteiger in einen Blizzard gerieten. Diese tragische Geschichte ist Basis für mehrere Filme, darunter auch der Blockbuster „Everest“ mit den Hollywood-Stars Keira Knightley und Jake Gyllenhall.

Diese Geschichte, wie auch das Schicksal von „Green Boots“, sollten eigentlich zur Vorsicht mahnen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es scheint, als würden immer mehr Menschen das Risiko eingehen, den Mount Everest zu besteigen.

Kritik an der Kommerzialisierung

Einer aktuellen Studie von US-Forschern, die im Fachmagazin „PLOS One“ veröffentlicht wurde, ist mittlerweile zwar die Chance, den Mount Everest erfolgreich zu besteigen, heutzutage doppelt so hoch wie noch vor etwa 20 Jahren – mit einer nahezu unveränderten Sterberate. Dennoch sehen viele erfahrene Bergsteiger den Trend der Besteigung des höchsten Bergs der Welt extrem kritisch. Reinhold Messner kritisierte schon vor mehr als 15 Jahren, der Mount Everest werde „zum Rummelplatz“ für Touristen. Sein damaliger Begleiter Peter Habeler sagte in einem Interview mit dem „Spiegel“ 2018: „Die Berge vertragen nicht so viele Menschen“. Was er damit meinte wird klar, wenn man die Mengen an Müll betrachtet, die viele Bergsteiger auf den Expeditionen zurücklassen.

So finden sich auf dem höchsten Berg der Erde Massen von kaputten Zelten und leere Sauerstoffflaschen. Alleine 2018 sammelte China in einer Expedition mehr als acht Tonnen Müll vom Mount Everest. Davon waren alleine zwei Tonnen menschlicher Kot. Dabei gibt es seit 2015 sogar ein Gesetz, dass jeder Bergsteiger beim Abstieg auch einen Teil Unrat, mindestens acht Kilo, mitnehmen muss. Wer sich widersetzt, muss 100 bis 4000 Dollar Strafe zahlen – die viele vermögende und vor allem erschöpfte Bergsteiger jedoch in Kauf nehmen. Doch wenn sowohl der mit der zunehmenden Kommerzialisierung einhergehende Müll als auch die Lebensgefahr der Touristen so ein Problem ist, warum wird dann der Tourismus nicht eingeschränkt?

Der Grund ist simpel: Der Tourismus ist für China und besonders für das bitterarme Nepal ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In Nepal ist der Trekking- und Höhenbergsteig-Tourismus sogar der wichtigste Industriezweig des Landes. Einschränkungen wären fatal für die einheimische Bevölkerung.

Neuer Vorschlag soll Bergsteiger auf dem Mount Everest besser schützen

Als Folge des dramatischen Staus 2019, hat das nepalesische Tourismusministerium mittlerweile mehrere Regeln verkündet. Eine davon ist, dass die Wagemutigen zwar Fotos und Videos von sich und ihrer Gruppe machen könnten – nicht aber von anderen Menschen auf dem Berg. Die zuständige Chefin, Mira Acharya, sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass es sich dabei um eine alte Regel handle, an die sich bislang niemand gehalten habe. Es gebe jetzt eine Strafe, sagte sie – ohne diese aber auf Nachfrage zu konkretisieren.

Außerdem müssen die Bergsteigerinnen und Bergsteiger vor dem Aufstieg ein medizinisches Attest einreichen und eine Bergungs- und eine Corona-Versicherung abschließen. Werden sie geborgen, müssten sie in gut ausgerüstete Krankenhäuser geflogen werden. Zudem sollen alle Einreisenden gegen Corona geimpft sein oder einen negativen PCR-Test vorlegen. Am Flughafen in Kathmandu gebe es dann noch einen Schnelltest, hieß es weiter.

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Ob dadurch jedoch wirklich weniger Bergsteiger den Mount Everest erklimmen wollen, ist nicht klar. Und so bleibt es abzuwarten, wie sich der Tourismus auf dem höchsten Berg der Erde weiter entwickeln wird. Oder wie Bergsteiger-Legende Peter Habeler sagte: „Wo das hinführt, kann ich nicht sagen.“

Quellen

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