Reisen

Abwarten statt Leinen los – das Dilemma der Kreuzfahrtbranche

Urlaub auf dem Wasser
Abwarten statt Leinen los – das Dilemma der Kreuzfahrtbranche

Sehen Sie im Video: Reise-Experte Ralf Benkö erklärt, warum Kreuzfahrten stattfinden dürfen. (Videoquelle: RTL.de)

Abwarten statt Leinen los – das Dilemma der Kreuzfahrtbranche

von Till Bartels

Viele Gäste möchten an Bord, aber kaum ein Kreuzfahrtschiff sticht in See: Reedereien müssen den Neustart seit Monaten immer wieder verschieben. Doch es gibt auch Ausnahmen, Rückschläge und Gründe, warum die Branche nicht in Fahrt kommt.

"Endlich Urlaub: So sicher wie zu Hause", mit diesem Motto wirbt im Moment Tui Cruise für Kreuzfahrten ab den Kanaren. Die beiden größten Schiffe der Reederei, die "Mein Schiff 1" und "Mein Schiff 2" brechen im Februar und März zu mehreren einwöchigen Törns ab Gran Canaria auf.

Diese Seereisen gehören zu den wenigen Ausnahmen, denn fast alle anderen Reedereien haben ihre Betriebspause erneut verlängert. Selbst im Mittelmeer, das auch im Winter als ein Fahrgebiet gilt, gibt es so gut wie keine Saison. Zu restriktiv sind europaweit die Reisebeschränkungen und Quarantänebestimmungen, um Hafenstädte wie Barcelona, Marseille oder Civitavecchia per Flugzeug oder auf dem Landweg erreichen zu können.


Riskantes Geschäftsmodell

Tui Cruise hat schon im vergangenen Jahr einen besonderen Kurs eingeschlagen und bietet seitdem "Blaue Reisen" an. Damit sind kurze Kreuzfahrten mit einer maximalen Auslastung von 60 Prozent, vielen Seetagen, wenigen Landausflügen und hohen Hygiene- und Sicherheitsstandards gemeint.

Die Hamburger Reederei rühmt sich, seit dem viermonatigem Lockdown 2020 schon wieder mehr als 50 Reisen mit über 45.000 Gästen durchgeführt zu haben, unter anderem mit Abfahrten ab Hamburg und im östlichen Mittelmeer. Doch einen 100-prozentigen Infektionsschutz gibt es nicht. Erst im Februar wurden mehrere Gäste am Ende einer Kanaren-Kreuzfahrt positiv auf Covid-19 getestet und mussten in Quarantäne.

Abwarten statt Leinen los – das Dilemma der Kreuzfahrtbranche

Kreuzfahrt mit Maske zu Corona-Zeiten: Im Hamburger Hafen vor dem Start zu einer „Blauen Reise“ mit der „Mein Schiff 2“ im August 2020.

An Bord der speziellen Charterflüge von Deutschland nach Gran Canaria mit Einschiffung im Hafen von Santa Catalina gelangt nur, wer ein negatives Testergebnis vorzeigen kann. Die Tests werden sogar von Tui Cruises vorab organisiert. Doch wer eine solche Reise unternimmt, setzt sich über die Warnung des Auswärtigen Amtes in Berlin hinweg: "Vor nicht notwendigen, touristischen Reisen nach Spanien einschließlich der Kanarischen Inseln wird derzeit gewarnt."

Verboten sind Reisen nach Spanien nicht; die spanischen Behörden haben die Kreuzfahrten genehmigt. Aber Tui Cruises fliegt Gäste in eine Region, die vom Robert Koch-Institut seit dem 20. Dezember als Risikogebiet ausgewiesen wird. Zusätzlich müssen Rückkehrer aus Spanien je nach Bundesland auch eine Verlängerung ihres Urlaubs einplanen: eine zehntägige Quarantäne, die fünf Tage verkürzt werden kann.


Absagewelle in den USA

In den Vereinigten Staaten, dem weltweit größten Markt für Kreuzfahrten inklusive Kreuzfahrten in die Karibik, zu den Bahamas und an der Westküste nach Hawaii und Alaska, ruht der Betrieb seit bald einem Jahr. Die großen Player im Markt wie Carnival Cruise Line, Royal Caribbean oder die Norwegian Cruise haben bis Ende April alle Reisen abgesagt.

In Nordamerika sind die Hürden für die Wiederaufnahme des Betriebs ungleich höher. Zwar hat das Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Washington die "no sail order", ein generelles Kreuzfahrverbot, im vergangenen November nicht erneut verlängert, aber dafür ein 40-seitiges Regelwerk erstellt, das Kreuzfahrten nur unter strengen Hygieneauflagen mit Probefahren zunächst ohne Passagiere erlauben soll.

Für die Reedereien ist ein von der US-Gesundheitsbehörde ausgestelltes "Covid-19 Conditional Sailing Certificate" erforderlich. Das alles kostet viel Organisationsaufwand und Zeit. Inzwischen wurden von der neuen Biden-Regierung Dr. Rochelle Walensky als die neue Leiterin des CDC eingesetzt, die eher einen restriktiven Kurs einschlagen dürfte, um die Ausbreitung des Coronavirus in ihrem Land besser in den Griff zu bekommen.

Ende letzter Woche gab es eine weitere Hiobsbotschaft, als Kanada erneut in die Verlängerung ging: In den arktischen Gewässern des Landes werden bis zum Februar 2022 keine Durchfahrten von Kreuzfahrtschiffen mit mehr als 99 Personen an Bord gestattet sein. Damit dürfen auch im kommenden Sommer keine Alaska-Fahrten stattfinden oder Einfahrten über Neuengland in den Sankt-Lorenz-Strom.


Die „Queen Mary 2“ legt nicht vor Ende Mai ab

Mit der Verlängerung des Lockdowns und touristischen Beherbungsverbots in Deutschland bis zum 7. März haben sich auch alle Hoffnungen auf ein baldiges Kommando "Leinen los" in den Häfen Hamburg, Bremerhaven, Kiel und Rostock zerschlagen. Norwegische Gewässer sind sogar bis zum 1. Mai für Kreuzfahrtschiffe dicht.

Marktführer Aida Cruises, der ausgerechnet in der buchungsrelevanten Zeit nach Weihnachten über viele Tage unter einem "IT-Problem" litt – in der Presse war von einem Hackerangriff die Rede – und weder per E-Mail noch telefonisch zu erreichen war, setzt auf erste Kreuzfahrten ab März mit Start in Gran Canaria, Mallorca und Hamburg.

Abwarten statt Leinen los – das Dilemma der Kreuzfahrtbranche

Abwarten statt Leinen los – das Dilemma der Kreuzfahrtbranche

Abwarten statt Leinen los – das Dilemma der Kreuzfahrtbranche

Abwarten statt Leinen los – das Dilemma der Kreuzfahrtbranche

Arbeitslose Kreuzfahrtschiffe


Zwangsaufenthalte für Luxusliner: Milliardenwerte parken im Hamburger Hafen


10
Bilder

Ab italienischen Häfen ist zur Zeit als einziges Schiff der MSC-Flotte die "MSC Grandiosa" unterwegs. MSC Cruises bietet Gästen ebenso wie Tui Cruises einen kostenpflichtigen PCR-Test vor der Rückkehr bereits an Bord an, damit das Ergebnis bei der Einreise nach Deutschland vorgelegt werden kann. Der italienische Mitbewerber Costa Crociere plant den Neustart seiner Schiffe ab dem 13. März 2021.

Noch später werden die Queens der Cunard-Reederei wieder auf Fahrt gehen. Alle Reisen der "Queen Mary 2" mit Einschiffung bis einschließlich 28. Mai und alle Abfahrten der "Queen Elizabeth" bis 4. Juni wurden abgesagt. An Bord der "Queen Victoria" werden Passagiere ab dem 17. Mai wieder an Bord gelassen.


Nachholbedürfnisse und Gutscheineinlöser

Kreuzfahrtkunden müssen wieder umgebucht und vertröstet werden. Außerdem sitzen Tausende noch auf Gutscheinen aus dem letzten Jahr, die sie für ausgefallene Reisen erhalten haben. Doch selbst in der Branche kann keiner versprechen, ob die Kreuzfahrten wie geplant 2021 stattfinden können. Die Angst und Vorsichtsmaßnahmen vor der dritten Welle mit den Virusmutationen aus Südafrika und Großbritannien macht nicht nur die Vorhersage schwieriger, sondern erhöht das Infektionsrisiko an Bord eines Schiffes.

Es müssen während einer Cruise nur wenige Personen positiv getestet werden, dann können je nach Hafen und Land alle Passagiere zu Mitgefangenen werden und nicht zum geplanten Zeitpunkt von Bord gehen. Die neuen US-Reglungen haben für einen solchen Fall vorgesehen, dass bei nur einer positiv an Bord getesteten Person das betroffene Schiff für 28-Tage gesperrt wird.

Abwarten statt Leinen los – das Dilemma der Kreuzfahrtbranche

Die 1998 gebaute und 180 Meter lange „Insignia“ von Oceania Cruises fuhr ab 2012 unter dem Namen „Columbus 2“ auch für zwei Jahre für Hapag-Lloyd Kreuzfahrten.

Aufgrund der Unsicherheiten scheinen Kreuzfahrtanbieter die kommende Saison längst abgeschrieben zu haben. Stattdessen setzen die Werbeaussendungen der Veranstalter auf die übernächste Saison, wenn ein Großteil der Bevölkerung geimpft wurde. Bereits seit Jahresanfang werden voller Optimismus die Routen und Programme ab 2022 kommuniziert.

Vor wenigen Tagen verkündete Oceania Cruises eine 180-tägige Weltreise mit der "Insignia". Von San Francisco aus geht es ab Mitte Januar 2023 zu 96 Häfen in 33 Ländern. Dabei können die gut 600 Passagiere 60 Unesco-Welterbe-Stätten besuchen – zu Preisen ab 52.000 US-Dollar.

Alle Kabinen waren nach der Freischaltung innerhalb eines Tages ausgebucht.

Quellen

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to top button
Schließen
Schließen