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Bye bye, Berlin-Schönefeld – Ein Nachruf auf den DDR-Flughafen

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Bye bye, Berlin-Schönefeld – Ein Nachruf auf den DDR-Flughafen

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Einst DDR-Flughafen, zuletzt Terminal 5 des BER: Der letzte macht im Abfertigungsgebäude am 23. Februar das Licht aus.

Bye bye, Berlin-Schönefeld - Ein Nachruf auf den DDR-Flughafen

von Till Bartels

Knapp vier Monate nach Berlin-Tegel wird auch der Flughafen Schönefeld geschlossen. Einst war es der Airport der DDR – und eine Bastion der Billigflieger. Ein persönlicher Blick zurück auf Berliner Luftfahrt-Kuriositäten – Teil 2 über die 1980er-Jahre.

Für mich war der Flughafen Berlin-Schönefeld stets alles andere als einladend. Wer in den letzten Jahren hier mit einem der Flug von Ryanair oder Easyjet eintraf, wurde auf die raue Berliner Art begrüßt: eng, unübersichtlich, niedrige Decken, viele Treppenstufen auf dem Weg zwischen Jet und Gepäckband. Und der Fußweg zur S-Bahn-Station war noch länger – von Weltformat und Hauptstadt keine Spur. Berlin-Besucher landeten hier nicht, sie schlugen auf.

Der einstige DDR-Flughafen sollte weiterhin als Heimat der Billigflieger dienen und wurde mit der Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER in Terminal 5 umbenannt. Doch mit dem Betrieb ist am 23. Februar Schluss. Die Pandemie hat für ein vorzeitiges Ende gesorgt. Die drastisch gesunkenen Zahlen des Luftverkehrs sprechen eine deutliche Sprache: Statt 100.000 Fluggäste werden nur noch 10.000 Passagiere pro Tag in Berlin gezählt. Die alten Abfertigungsgebäude werden nicht mehr benötigt, verursachen nur Kosten. Jetzt wurden die letzten Flüge abgefertigt, T5 wird dicht gemacht, angeblich nur "vorübergehend".


„Behindertes Reisen“ via Schönefeld?

Zu DDR-Zeiten war in Schönefeld alles noch restriktiver, aber auch exotischer als in den inzwischen stillgelegten Flughäfen Tegel oder Tempelhof zusammen. Die DDR-Fluggesellschaft Interflug mit dem Werbespruch "weitreichende Verbindungen" startete ab Schönefeld nicht nur nach Moskau, Leningrad oder Burgas am Schwarzen Meer, sondern auch nach Havanna, Hanoi und Maputo.

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Start in Schönefeld im Jahre 1986: Am Boden stehen Flugzeuge vom Typ Tupolew Tu-134, Iljuschin Il-62 und Il-18 der Interflug.

Mitte der 1980er-Jahre flog ich mehrmals ab Schönefeld, stieg ich in die Flugzeuge, die auf mich schon damals nostalgisch wirkten wie die sowjetischen Tupolews oder die Iljuschin Il-18, eine Turbopropmaschine mit vier Propellern, die auf den Strecken nach Prag, Bukarest und Budapest zum Einsatz kamen.

Damals war an Wende und Wiedervereinigung nicht zu denken. Die Mauer teilte die Stadt in Ost und West. Ich lebte in Neukölln, und Schönefeld war gefühlt weit weg, obwohl der Flughafen für mich geographisch viel näher als Tegel lag.

Doch die Anreise war beschwerlich. Ein Ikarus-Bus fuhr vom ZOB am Funkturm in Charlottenburg für 7 West-Mark zum Grenzübergang in Rudow und weiter bis zum Terminal. Zwischendurch hielt der DDR-Transitbus am S- Bahnhof Tempelhof, wo ich zustieg und ein Schild mahnte: "Flughafen Berlin-Tegel. Ein freies Tor zur freien Welt." Die Werbetafel versprach "unbehindertes Reisen", denn an der Grenze zwischen Westberlin und der DDR waren nicht nur 5 West-Mark für das Transitvisa fällig, sondern auch Gepäckkontrollen und unangenehme Befragungen durch die Angehörigen der Grenzschutztruppen der DDR inklusive.

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Ein Werbeschild für den Flughafen Tegel am S-Bahnhof Tempelhof ermahnte in den 80er Jahren Westberliner, die hier in den Transitbus nach Schönefeld steigen wollten. Von Tegel ging es in die Ferne, meist mit PanAm und mit Umsteigen am Frankfurter Flughafen.

Einmal hatte ich bis zum Abflug viel Zeit und passierte die Grenze an der Rudower Chaussee zu Fuß, lief durch das Niemandsland der Sperranlagen auf einem Weg in den anderen Teil Deutschlands und gelangte weiter mit einem Bus zum Check-in.

Für Reisende im Westteil der Stadt war Schönefeld schon damals der Flughafen der Billigflieger. Den Begriff war noch nicht erfunden, aber die Tickets von Interflug oder der ungarischen Malev waren ausgesprochen preiswert. Denn den Ostblock-Gesellschaften diente der Verkauf ihrer Flugscheine im Westen als lukrative Devisenquelle.


Sparflüge zu Kampfpreisen

Am günstigsten kam man an die Tickets der Interflug in einem speziellen Verkaufsbüro im Bahnhof Friedrichsstraße. Dort gab es bis zum Mauerfall 1989 ein weiteres, heute schwer vorstellbares Kuriosum: Zwei Westberliner U-Bahnlinien führten unter dem Gebiet der "Hauptstadt der DDR" hindurch, wobei die Züge die seit dem Mauerbau für den Publikumsverkehr geschlossenen "Geisterbahnhöfe" im Schritttempo passieren mussten. Auf den Bahnsteigen standen bewaffnete DDR-Soldaten im schummrigen Neonlicht.

Nur die U6 hielt am Bahnhof Friedrichstraße, wo man als Westler aus zwei Gründen ein- und aussteigen konnte: entweder um zur "Grenzübergangsstelle zur Einreise in die DDR" zu gelangen oder zum Umsteigen ohne Visa-Formalitäten. Durch ein Labyrinth von gekachelten Gängen und Treppen ging es zu den Haltestellen zweier S-Bahnlinien, die ebenfalls nur Westreisenden vorbehalten waren – ein sonderbares Territorium auf Ost-Berliner Gebiet.

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Eine sowjetische Entwicklung aus den 1950er Jahren: Ein gutes Dutzend der viermotorigen Turboprop vom Typ Iljuschin Il-18 war auch bei der Interflug im Einsatz.

Diese den West-Berlinern, Bundesbürgern und Ausländern vorbehaltene Zone wurde auch zu Devisenbeschaffung genutzt. In mehreren Intershops gab es gegen West-Mark hochprozentigen Alkohol, Kaffee und Zigaretten – alles viel billiger als beim Discounter, was der Zollfahndung ein Dorn im Auge war.

In den frühen 1980er-Jahren kam auch ein Verkaufsbüro der Interflug dazu. Da gingen Hin- und Rückflugtickets für 120 West-Mark nicht nur nach Budapest über den Tresen, sondern auch nach Athen, Wien und Rom. Bürger der DDR, wenn sie überhaupt zu Zielen in den Bruderstaaten oder gar im Westen fliegen durften, mussten ein Vielfaches – natürlich Ost-Mark – im offiziellen Reisebüro der DDR für dieselben Flüge bezahlen.


Schlupfloch Schönefeld für Asylsuchende

Die Friedrichstraße brachte in Kombination mit dem Flughafen Schönefeld die Bonner Regierung 1986 in eine missliche Lage, was heute fast vergessen ist. Immer mehr Flüchtlinge reisten über diesen Bahnhof ein, stiegen unbehelligt in die Wagen des S- und Bahn-Netzes nach West-Berlin ein, wo sie später Asylanträge stellten.

Für die DDR war das ein kalkuliertes Geschäft: Im Ausland verkauften sie gegen Valuta One-Way-Tickets nach Schönefeld, wo die Ankommenden ein Transitvisa erhielten, das für eine Weiterreise innerhalb von 24 Stunden gültig war.

Am einfachsten war der Weg mit der S-Bahn von Bahnhof Schönfeld ohne Umsteigen bis zur Friedrichstraße. Dort ließen die DDR-Grenzer die Asylbewerber problemlos ausreisen. Auf der Westseite gab es keine Kontrolle, da es sich um keine völkerrechtlich anerkannte Grenze handelte, sondern nur um eine Demarkationslinie.

Mit diesem Schleichweg setzte die DDR die Bonner Regierung bei Verhandlungen unter Druck. Im Westen wussten die Auffanglager bald nicht mehr wohin mit den Flüchtlingen aus Sri Lanka, Ghana, dem Iran und Libanon. Als Chef des Bundeskanzleramtes traf Wolfgang Schäuble im August 1986 sogar Erich Honecker, auch wegen der umstrittenen "Durchreisepolitik". Doch der konterte, dass jeder Ausländer ungeachtet seiner Nationalität, Rasse, Religion und politischen Überzeugung ohne jegliche Beschränkung im Transit reisen durfte.

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Iljuschin Il-18 als Hotelsuite


Mit Whirlpool und Sauna: Wie Honeckers Flugzeug zur Luxussuite gepimpt wurde


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Der Rest ist Geschichte

Heute sind die Flüchtlingsströme noch längst nicht abgerissen, die Schlepperbanden agieren nur anders. Der ehemalige DDR-Flughafen wurde nach der Wende mehrmals umgebaut, erweitert und nun durch den Flughafen Berlin Brandenburg abgelöst, der für alle Berlin-Reisenden auch in naher Zukunft ausreicht.

Nachdem am 21. Februar die letzte Maschine aus Rom kommend abgefertigt wurde, sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup: "Wir drücken die Pausentaste, nicht die Stopptaste". Das ist eine nette Umschreibung für das Ende von Schönefeld.

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In Schönefeld fliegt nichts mehr ab, kommt kein Passagier mehr an: Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup steht vor einer leeren Anzeigetafel.

In meinen alten Papiertickets aus den 1980er-Jahren war der Flughafen Schönefeld übrigens nicht mit dem bis vor Kurzem üblichen Drei-Letter-Code SXF, sondern bereits mit dem Kürzel BER versehen. Das liest sich im Nachhinein fast schon wie eine Prophezeiung. Oder wie sagte doch Erich Honecker: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer."

Quellen

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