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Trotz Corona in Neuseeland – Work and Travel im einsamen Paradies

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Trotz Corona in Neuseeland – Work and Travel im einsamen Paradies

Achtung, Kiwis! Für ihre Neuseeland-Tour hat Bianca einen gebrauchten Van mit Bettaufbau gekauft.

Trotz Corona in Neuseeland – Work and Travel im einsamen Paradies

Bitteres Ende einer Traumtour: Tausende Reisende mussten Neuseeland 2020 wegen der Pandemie verlassen. Doch Work-and-Travel-Touristin Bianca blieb. Im Interview spricht sie über das Leben im einsamen Paradies.

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Christian Carstens

Bianca Olivia Franco (30) aus Tucson im US-Bundesstaat Arizona kam Ende 2019 in Neuseeland an. Der Plan: Ein Jahr Work and Travel, ein Mix aus Arbeit und Urlaub mit einem Van. Doch dann kam die Corona-Pandemie. Als sich die meisten Urlauberinnen und Urlauber auf den Heimweg machten, entschied sich Bianca einfach zu bleiben.

Was hat sich seitdem verändert? Wie ist das Urlaubsleben in einem (fast) coronafreien Land? Im Interview erzählt Bianca von der Einsamkeit auf Campingplätzen, von neuen Freundinnen und Freunden, über den Alltag in ihrem Van und über das Leben mit ihren treuesten Begleiter, Hund Zesti.

Bianca, du genießt auf Neuseeland ein Leben, von dem der Rest der Welt nur träumen kann. Hast du wenigstens ein schlechtes Gewissen?

(Lacht) Naja, ich habe schon gemischte Gefühle. Manchmal fühlt es sich eigennützig an, wenn ich Bilder und Videos von mir und Zesti auf Instagram und Youtube poste, denn ich lebe hier wie auf einem anderen Planeten! Über meine Zweifel habe ich erst kürzlich mit einer Freundin gesprochen. Sie meinte aber, dass ich unbedingt weitermachen soll, weil ihr meine Erlebnisse viel Inspiration und auch Hoffnung geben.

Trotzdem mache ich mir natürlich Sorgen um meine Freunde und um meine Familie. Jeder macht im Moment etwas durch, das ich mir nicht einmal vorstellen kann. Deshalb wünsche ich mir schon, bei ihnen zu sein, um sie aufzumuntern. Aber die Leute zu Hause sagen mir alle, dass ich weitermachen soll. Sie wollen nicht, dass ich ihretwegen nach Hause komme.

Was hat dich ursprünglich dazu bewogen, nach Neuseeland zu reisen?

In meiner Heimat in Arizona habe ich tagsüber als Barista in einem Café gearbeitet und danach entweder in einem Krankenhaus oder als Assistentin in einem Labor und abends als Barkeeperin. Das war alles sehr ungesund und es war nicht der Lebensstil, den ich dauerhaft wollte. Deshalb musste ich etwas ändern. In einer Nacht war mir dann langweilig und ich stieß im Internet auf das Arbeitsvisum für Touristen in Neuseeland.

Ich habe es einfach mal ausgefüllt, auf ‚senden‘ geklickt – und hatte am nächsten Tag eine Zusage. Das konnte ich erst kaum glauben und dachte: „Oh, ich könnte tatsächlich nach Neuseeland gehen…“ Damit habe ich erst einmal acht Monate lang nichts anfangen können, weil es so unrealistisch erschien. Bis meine Freunde mich überredet haben, einfach ein Flugticket zu kaufen. Also habe ich die Augen zugemacht, ein beliebiges Datum gewählt und landete schließlich am 19. November 2019 in Neuseeland. Das war alles total spontan und alle dachten, ich wäre komplett irre. Denn so etwas habe ich noch nie vorher gemacht!

Und deinen kleinen Hund hast du einfach so mitgenommen?

Zesti war der wahre Grund für meine Unsicherheit. Ich habe ihn vor 14 Jahren aus einem Tierheim gerettet und seitdem ist er ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Inzwischen ist er aber ein alter Mann und ich wusste nicht, ob er den Flug und die 30-tägige Quarantäne in Neuseeland überlebt. 

Die Entscheidung war härter als gedacht. Auf der anderen Seite hätte ihm die Trennung das Herz gebrochen. Er konnte ja nicht wissen, warum ich ihn verlasse. Und es war noch nicht klar, wie lange ich fort sein werde.

Sechs Monate nach deiner Ankunft erreichte das Corona-Virus Neuseeland. Was hat das verändert?

Ich wollte mit einer Freundin gerade eine Whale-Watching-Tour in Kaikoura an der Ostküste der Südinsel buchen. Gerade als wir die Tickets gekauft hatten, hörten wir die Nachricht, dass Alarmstufe vier ausgerufen wird. Jemand sagte uns, dass wir einen festen Platz für eine zweiwöchige Quarantäne brauchen. Nur dringende Einkäufe und Erledigungen waren noch erlaubt. Zum Glück hatten wir gerade einen Gärtnerei-Job bekommen und der Auftraggeber ließ uns in einem Anbau seines Hauses wohnen. Im Gegenzug mussten wir täglich nur zwei Stunden seinen Garten herrichten.

Wir hatten also sehr großes Glück und haben uns die Zeit mit Backen und Kochen vertrieben – für mich war das im Vergleich zum Van-Leben auf der Straße sogar purer Luxus. Die Warnstufen wurden dann im Zwei-Wochen-Rhythmus wieder gelockert. Wir sind noch eine Weile geblieben und mussten uns dann einen neuen Job suchen, weil wir pleite waren. Corona zog quasi an uns vorbei. Es gibt zwar immer mal wieder kleine Ausreißer, zuletzt zum Beispiel in Auckland und Wellington, dort muss man dann wieder für ein paar Tage Abstand halten. Im Vergleich zu der Corona-Lage in den meisten anderen Ländern sind wir hier aber sehr verwöhnt, weil es im Landesinneren keine Infektionen und deshalb auch keine Einschränkungen gibt. Alles in allem war der kurze Lockdown für uns sogar eine gute Zeit.

Nach einiger Zeit haben die meisten Reisenden Neuseeland verlassen. War das nicht beängstigend?

Ich wusste lange nicht, was ich tun soll. Die Lage war ja zunächst sehr unübersichtlich. Erst als die Leute nach Hause flogen wurde mir klar, dass die Bedrohung real ist. Ich habe dann mit meinen Eltern telefoniert und sie haben mir geraten, dort zu bleiben. Denn das war zu dem Zeitpunkt viel weniger gefährlich als in ein Flugzeug zu steigen. Und darum bin ich immer noch hier. Viele Freunde, mit denen ich später gesprochen habe, bereuen ihre Abreise jetzt. Denn Neuseeland hat die Visa anschließend pauschal über die Regelzeit hinaus verlängert.

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Hat Corona deine Reisepläne trotzdem verändert?

Nun ja, Pläne gab es eigentlich nie (lacht). Als ich in Neuseeland ankam, dachte ich, dass ich einen hätte. Aber ich habe schnell gelernt, dass beim Work and Travel nichts nach Plan läuft. Mit Corona war es genauso, niemand hätte das planen können. Letztlich hat sich nicht viel verändert, außer dass ich für einen Monat pausieren musste. Genau genommen ist es sogar schöner geworden, seitdem so viele Urlauber und Backpacker abgereist sind. Ich reise und arbeite jetzt viel öfter mit Menschen, die hier leben und bin viel mehr in der Gesellschaft integriert. Das wäre ohne die Pandemie wahrscheinlich nicht passiert.

Wie ist deine Reise seitdem verlaufen? Inzwischen müsstest du ja jeden Winkel Neuseelands kennen!

Neuseeland ist ein wunderschönes Land. Ich habe schon viele tolle Ecken erkundet. Dabei hatte ich eigentlich gar nicht vor, mit einem Van zu reisen. Das hatte sich spontan ergeben. Nach meiner Ankunft hatte ich zufällig zwei Mädels getroffen, die einen Van kaufen wollten. Ich habe mich ihnen spontan angeschlossen und mir auch ein günstiges Auto beschafft, in dem ich schlafen konnte. Dann haben wir wochenweise auf Farmen gearbeitet und Stück für Stück die Nordinsel erkundet. Das war eine tolle Zeit, wir sind sehr gute Freunde geworden. Jetzt bin ich mit Zesti gerade alleine auf der Südinsel unterwegs.

Was waren deine Reise-Highlights?

Puh, das ist eine schwere Frage! Wenn ich über meine Reise nachdenke, fallen mir zuerst die Menschen ein. Ohne die Touren und ohne Zesti hätte ich niemals so viele wunderbare Menschen kennenlernen können. Als zweites denke ich an die Natur und die Tierwelt. In Kaikoura habe ich einen Blauwal gesehen. Das größte Säugetier der Erde! Das war wirklich zauberhaft.

Und Pinguine! Zesti hatte an dem Morgen noch tief geschlafen – vor acht Uhr bekommt man ihn ja nicht aus dem Bett. Also habe ich Kaffee gekocht und alleine einen fantastischen Sonnenaufgang am Strand beobachtet, als in den Dünen hinter mir plötzlich Pinguine auftauchten und eilig zum Wasser hüpften. Das war wirklich sehr, sehr schön, vor allem vor dieser tollen Kulisse.

Meine liebste Beschäftigung in Neuseeland ist das Tauchen. Das Leben unter Wasser ist hier unglaublich vielfältig. Vor kurzem bin ich einer ganzen Schule von Delfinen begegnet, die sausend um mich herum kreisten und mich neugierig beobachteten. Außerdem habe ich in den Bergen meinen ersten Gletscher gesehen und Roys Peak erklommen, einen Berggipfel mit einer gigantischen Aussicht. Der Blick nach jeder Kurve war so fantastisch, dass es fast unrealistisch wirkte. Aber hier in Neuseeland ist das alles Realität.

Trotz Corona in Neuseeland – Work and Travel im einsamen Paradies

Die spektakuläre Aussicht macht „Roys Peak” (Wanaka, 1200 Meter hoch) zu einem der beliebstesten Wanderziele in Neuseeland. Bianca hatte den Berg fast für sich allein.

Wie ist das Leben in einem Auto nach so langer Zeit? Hast du manchmal genug davon?

Es ist schon eine Herausforderung. Und hier ist gerade Winter, das macht es nicht leichter. Vor ein paar Wochen ist mein Auto nachts zugefroren, als ich auf einem Weingut gearbeitet habe. Es war unglaublich kalt und als ich nach vorne geklettert bin, um die Heizung anzuschalten, bemerkte ich schon, dass ich krank werde. Am nächsten Tag ging ich trotzdem zur Arbeit, wurde aber gleich wieder zurückgeschickt. Krank zu sein ist so eine Sache, die einem im Van nicht passieren sollte.

Mit Zesti ist es auch nicht immer so einfach. Ab und an brauchen wir beide ein bisschen Abstand. Er schläft dann auf dem Vordersitz und ich bleibe hinten. Auch die Suche nach einer Dusche ist im Winter nicht immer einfach. Auf der anderen Seite muss man im Winter aber auch nicht so oft duschen, wie im Sommer (lacht).

Macht ein Hund das Reisen in Neuseeland eigentlich komplizierter?

Die größte Hürde ist erstmal die 30-tägige Hunde-Quarantäne bei der Einreise. Ich glaube, ich war noch nie so erleichtert und habe noch nie so sehr geweint, als ich ihn endlich wieder hatte. Aber jetzt haben wir eine unglaublich schöne Zeit.

Neuseeland ist ein wunderbares Land für Wanderungen, es gibt überall Nationalparks mit großen „Hunde verboten“-Schildern. Das ist manchmal schon ziemlich knifflig, aber auch verständlich. Ich respektiere die Natur und die wilden Tiere sehr. Aber inzwischen weiß ich, dass die Neuseeländer sehr hilfsbereit sind und Hunde lieben. Wenn ich etwas unternehmen möchte, poste ich einfach eine Anfrage auf Facebook. Innerhalb von einer oder zwei Stunden meldet sich dann meistens schon jemand, der freiwillig für einen Nachmittag auf Zesti aufpassen möchte. Bisher habe ich immer einen Weg gefunden, wenn es sein musste. 

Ohne Zesti wäre ich vermutlich schon lange wieder nach Hause gereist. Unsere Bindung ist hier noch viel enger geworden. Wir erleben gemeinsam Abenteuer, ich nehme ihn im Rucksack auf Wanderungen mit und wenn ich auf Farmen arbeite, ist er normalerweise immer dabei.

Auf den meisten Campingplätzen sind Hunde nicht erlaubt. Wo übernachtest du dann?

Ja, es gibt viele Campingplätze, die wir nicht nutzen können. Alternativ gibt es kostenlose Parkplätze, auf denen man im Van übernachten darf. Das klingt erstmal nicht so schön, aber diese Plätze sind oft sehr nett gelegen und haben in der Regel saubere und gepflegte Toiletten. Inzwischen ist es aber so, dass hier viel weniger Touristen unterwegs sind. Seitdem tolerieren die Betreiber der Campingplätze immer öfter Hunde. Als ich letztens für sechs Wochen herumgereist bin, gab es nur einen einzigen Campingplatz, den ich mit Zesti nicht nutzen durfte, weil Pinguine in der Nähe leben. Also bin ich einfach zu einem anderen Platz gefahren.

Genießt Zesti das Reisen genauso sehr wie du?

Vermutlich sogar mehr! Wenn die Türen der Vans von meinen Campingnachbarn offen sind, hüpft er inzwischen einfach hinein, lässt sich streicheln und staubt Gratis-Snacks ab. Die Leute lieben ihn. Das hat er inzwischen verstanden und macht es sich gern zunutze. Es ist wundervoll, dass Zesti dabei ist. Ehrlich gesagt kamen meine meisten Bekanntschaften und Freundschaften über ihn zustande.

Was hat die Reise mit dir gemacht? Denkst du anders über das Leben?

Ich denke, ich habe gelernt, viele Dinge mehr wertzuschätzen. Und ich habe gelernt, einfacher zu leben und mir nicht so viele Sorgen zu machen. Vor zwei Jahren war ich noch jeden Tag unglaublich gestresst, weil ich die ganze Zeit gearbeitet habe. Das Reisen gibt einem die Chance, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und das, was man hat, zu schätzen. In meinem Van habe ich nur sehr wenige Dinge. Aber es fühlt sich an, als wäre es unglaublich viel.

Zum Schluss: Wann geht es denn nun wieder nach Hause?

Tja, das ist die Eine-Million-Euro-Frage. Ich könnte jederzeit nach Hause, auch wenn sich die Rückkehr in mein Heimatland vielleicht wie ein Kulturschock anfühlen wird. Für mich wäre der Alltag meiner Freunde komplett neu, zum Beispiel die Maskenpflicht und die ganzen anderen Regeln. Und zu Hause gibt jetzt leider auch viel weniger Jobs. Wenn es geht, werde ich weiter reisen, momentan habe ich Australien auf dem Radar. Aber wie gesagt, der beste Weg zu reisen ist es, keinen Plan zu haben.

Quellen

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