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Urlaubs-Nostalgie: Top-Reiseziele in den 50ern und 60ern

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Urlaubs-Nostalgie: Top-Reiseziele in den 50ern und 60ern

Urlaub mit Hut und Schlauchboot: In den 60er-Jahren erfüllen sich immer mehr Deutsche den Traum von einer Reise nach Italien.

Urlaubs-Nostalgie: Die Top-Reiseziele in den 50ern und 60ern

Von den Stränden am Mittelmeer konnten die meisten Deutschen bis zu den 50er- und 60er-Jahren nur träumen. Dann blühte der Tourismus auf. Ein Rückblick auf die Zeit, als die Deutschen das Reisen lernten.

Urlaubs-Nostalgie: Top-Reiseziele in den 50ern und 60ern

Christian Carstens

Mit dem Flugzeug mal eben in den Urlaub fliegen: In Deutschland lag das in der Nachkriegszeit noch in weiter Ferne. Allenfalls eine Auszeit an den Küsten von Nordsee und Ostsee, in den Bayerischen Bergen oder im Schwarzwald waren finanziell möglich – allerdings nur für die wenigsten. Die meisten „Kurzurlaube“ wurden damals an Badeseen, in Schwimmbädern und bei Verwandten auf dem Land verbracht. 

Erst Ende der 40er-Jahre keimte nach dem Krieg und den Jahren des Wiederaufbaus Optimismus in Deutschland auf und in den 50ern bescherte das Wirtschaftswunder immer mehr Bürgerinnen und Bürgern höhere Einkommen. Und damit konnten sich mehr Menschen endlich den Wunsch nach etwas Ruhe und Erholung erfüllen.

Wirtschaftswunder sorgte für Reiseboom

„Das Wirtschaftswunder versetzte die Deutschen erstmals in der Lage, einen Kühlschrank oder eine Waschmaschine zu kaufen. Aber auch das Reisen hat eine stärkere Bedeutung bekommen“, sagt Prof. Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen. Urlaub sei aufgrund der wenigen Transportmittel aber nur eingeschränkt möglich gewesen. „Reisen waren stark von den verfügbaren Verkehrsmitteln abhängig, deshalb wurden hauptsächlich Ziele im Inland angesteuert“, sagt Reinhardt.

Mitte der 50er-Jahre war das Reisen statistisch immerhin für etwa ein Viertel der Bevölkerung finanzierbar. Bis in die 60er-Jahre stiegen die Löhne weiter und die Gewerkschaften handelten längere Urlaubszeiten und eine Verkürzung der Arbeitswoche auf fünf Tage heraus. Auslandsreisen blieben aber die Ausnahme. „Damals wie heute ging es den Menschen zunächst um einen Kontrast zum Alltag. Damals planten die Menschen Busreisen, Fahrradrouten oder Wanderungen. Im heutigen Tourismus sind das nur noch Nischen“, so Reinhardt.

Was folgte, ist nicht weniger als der Beginn der Erfolgsgeschichte des Tourismus. Zeit für einen Rückblick: Der Reisereporter stellt die beliebtesten Reiseziele der Deutschen in den 50er- und 60er-Jahren vor. 

Österreich: Das beliebteste Reiseziel der Deutschen

Historisch betrachtet ist Österreich ein Vorreiter in Sachen Tourismus. Bereits im 14. und 15. Jahrhundert reisten viele Menschen zu Wallfahrten und Kuraufenthalten in den Alpenstaat. Und im 19. Jahrhundert gab sich der europäische Hochadel bei Reisen in die Hauptstadt Wien die Klinke in die Hand. 

Auch im 20. Jahrhundert lockte die Sehnsucht nach den Bergen immer mehr Urlauberinnen und Urlaubern nach Österreich. 1929 zählten die Behörden bereits 19,9 Millionen Gäste-Übernachtungen, davon 8,6 Millionen von Ausländern. Der Zweite Weltkrieg bereitete dem aufkeimenden Tourismus jedoch ein jähes Ende. Erst 1947 folgte der Versuch eines Neustarts, doch von einst 4700 Hotels waren durch Kriegszerstörungen nur noch 300 bewohnbar. Außerdem schränkten die Besatzungsmächte die Reisefreiheit ein.

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1960 in Krumpendorf am Wörthersee: Österreich war damals das beliebteste Urlaubsland der Deutschen.

Die Touristinnen und Touristen aus Deutschland entdeckten die Ostalpen in den 50er-Jahren für sich – 6 Prozent der Urlaubsreisen aus Deutschland führten damals nach Österreich. Die meisten deutschen Urlauberinnen und Urlauber (54 Prozent) kamen mit der Bahn, 19 Prozent mit dem eigenen Auto und 17 Prozent mit dem Bus.

Im Sommer zählten Tirol und der Wörthersee zu den beliebtesten Reisezielen. Im Winter holperten die ersten deutschen Skitouristinnen und -touristen auf wackligen Holzbrettern die Berge hinab, zum Beispiel in St. Anton am Arlberg, in Innsbuck und in Kitzbühel. In den Folgejahren wurden immer mehr Skigebiete, Berghütten und Lifte eröffnet.

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Eine Skifahrerin fährt 1964 eine Piste in Innsbruck hinab. Im gleichen Jahr fanden dort die Olympischen Winterspiele statt.

Bis in die 70er-Jahre blieb Österreich das beliebteste Reiseland der Deutschen. Doch dann wurden Flugreisen an die Mittelmeerstrände bezahlbar und schmälerten das Wachstum.

Italien: Als die Caprihosen nach Deutschland kamen

Von Spaghetti und Pizza hatten die meisten Deutschen bis zu den 40er-Jahren noch nie etwas gehört, denn damals war Italien mit seinen schönen Küsten und Stränden ein nahezu unerreichbares Sehnsuchtsziel. Erst in den 50er-Jahren tuckerten mehr und mehr Urlauberinnen und Urlauber aus Deutschland mit Bussen, Zügen und VW Käfern in die Regionen südlich der Alpen.

Die meisten Reisenden steuerten die italienischen Campingplätze am Gardasee und an der Riviera an. Begehrte Ziele waren aber auch die großen Strände der Insel Capri bei Neapel und in Rimini bei San Marino an der Adria. 

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Sommerurlaub in den 50ern: Das „Dolce Vita“ lockt immer mehr Touristinnen und Touristen an die Strände Italiens.

Die zunehmende Begeisterung für „Dolce Vita“ spiegelte sich bald auch hierzulande wider, als sich die ersten Damen mit modischen Caprihosen auf den Straßen zeigten und Radiosender die Wohnzimmer mit dem wiederentdeckten Hit „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ von Schlagersänger Rudi Schuricke beschallten. Ob in Musik, Kunst, Mode, Architektur oder Gastronomie – Italien war durchweg angesagt.

Die Beliebtheit der italienischen Urlaubsregionen erreichte Ende der 50er-Jahre ihren ersten Höhepunkt. Sinnbildlich dafür ist die berühmte Szene aus dem Erfolgsfilm „La dolce vita“, in dem Schauspielerin Anita Ekberg im schwarzen Kleid in den römischen Trevi-Brunnen steigt und Marcello Mastroianni sehnsüchtig in den Amen liegt.

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Heute ein Tabu: Für den Film „La Dolce Vita“ stieg Schauspieler Marcello Mastroianni 1959 mit Anita Ekberg in den Trevi-Brunnen.

60 Jahre später wäre ein Bad im Trevi-Brunnen nicht so einfach möglich. Wer hineinsteigt, zahlt heute jedenfalls 1000 Euro Strafe. Verändert haben sich auch die touristischen Reiseziele. Die meisten Urlauberinnen und Urlauber aus Deutschland zieht es in Italien derzeit nach Venezien, in die Lobardei und nach Kalabrien. Auch die Adria ist beliebt, wobei Rimini kaum noch eine Rolle spielt. Die beliebtesten Städte sind Rom, Mailand, Venedig und Florenz. 

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Aufregende Eindrücke: Besucherinnen und Besucher besichtigen 1954 Venedig.

Welch gigantischer Wirtschaftszweig aus dem aufkeimenden Tourismus erwachsen könnte, ahnten in den 50er-Jahren wohl nur die wenigsten. 2019 zählte Italien 95,4 Millionen Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland, die bei ihren Reisen 46 Milliarden Euro ausgegeben haben.

Mallorca: Der Beginn des Massentourismus

In den 60er-Jahren verbesserten sich die Löhne und Arbeitsbedingungen in Deutschland weiter. Die Haushaltskassen vieler Familien waren gut gefüllt und die Bevölkerung konnte sich mehr Luxusgüter leisten, zum Beispiel die ersten Fernsehgeräte, Autos oder eine Reise in dieses neue Urlaubsmekka, von dem plötzlich alle Leute sprachen: Mallorca.

Das erste Urlaubsflugzeug aus Deutschland landete allerdings schon deutlich früher, und zwar 1956, auf der Baleareninsel. An Bord: 30 bestens gekleidete Passagiere, die sich, anders als ihre meisten deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger, in die neue und noch ein wenig unheimliche Propellermaschine wagten. Die ersten Flieger mit Düsentriebwerken hoben erst einige Jahre später ab.

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1962 auf dem Flughafen von Palma de Mallorca: Die Fluggesellschaft Condor brachte die ersten deutschen Urlauberinnen und Urlauber auf die Ferieninsel.

Der große Reiseboom auf der spanischen Insel folgte Mitte der 60er-Jahre mit den ersten Pauschalreisen. Das Angebot im damaligen Neckermann-Katalog: ein zweiwöchiger Aufenthalt zum Preis von 336 Mark mit „allem inbegriffen“. Die Anzeige warb mit „typischen Merkmalen“, darunter „saubere Zimmer, reichlich Hauptmahlzeiten, eifrige Bedienungen und eine kleine Bar, in der Sie viel für wenig Geld erhalten“.

Ja, richtig: Getränke zählten damals nicht zum All-inclusive-Service. Ein Glas Brandy kostete aber auch gerade mal 22 Pfennige. Zum Vergleich: In diesem Sommer zahlen die Besucherinnen und Besucher im Ballermann-Partytempel „Megapark“ 15,80 Euro für einen Liter Bier.

Die meisten Reisenden verbrachten ihren Mallorca-Urlaub in den 60ern hauptsächlich in Cala Ratjada, das damals noch ein kleines Fischerdorf war. Mit Bussen erkundeten die Urlauberinnen und Urlauber die umliegende Küstenregion und Palma de Mallorca und tranken dabei fröhlich Lumumba.

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In 70er-Jahren tourten die meisten Urlauberinnen und Urlauber in den Ausflugsbussen der Reiseveranstalter über die Insel.

Eines der ersten Hotels an der Uferpromenda der Insel-Hauptstadt war übrigens das Hotel San Francisco. Für Familie Riu, die das Haus mit 80 Betten betrieben hat, war die Investition der Grundstein für ein Tourismus-Imperium, zu dem heute 103 Hotels mit 98.571 Betten gehören. Das Hotel San Francisco wurde inzwischen abgerissen und an gleicher Stelle mit 165 Zimmern wieder aufgebaut.

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1965 nimmt das Tourismus-Geschäft auf Mallorca reichlich Fahrt auf. An der Promenade von Palma entstehen zahlreiche Hotels.

Anders als in Italien hielt der Ansturm deutscher Urlauberinnen und Urlauber auf Mallorca über die folgenden Jahrzehnte bis heute an. Mit dem stetig wachsenden Zustrom von Reisenden wuchs die Tourismus-Industrie auf Mallorca im gigantischen Ausmaß. Im Rekordjahr 2016 kamen fast 17 Millionen Urlauberinnen und Urlauber aus dem Ausland nach Mallorca und auf die anderen balearischen Inseln, davon etwa vier Millionen aus Deutschland.

Damit ist „Malle“ nach wie vor das beliebteste Urlaubsziel der Deutschen. Und das wird laut Zukunftsforscher Prof. Reinhardt wohl auch so bleiben: „Mallorca hat sich im Kopf vieler Urlauber als günstiges und einfach zu bereisendes Strandparadies festgesetzt.“

Wie verändert sich das Reisen in der Zukunft?

Das Reiseverhalten der Menschen in Deutschland hat sich in den vergangenen 70 Jahren stetig verändert. Mit Blick auf die Corona-Pandemie, den Klimawandel und steigende Kraftstoffpreise scheint die Tourismusbranche nun vor dem nächsten Umbruch zu stehen.

Weniger Urlaub werden die Deutschen aus Sicht von Zukunftsforscher Prof. Reinhardt deshalb aber nicht machen: „Reisen bleibt die populärste Form des Glücks. Die Bürger werden eher auf eine neue Couch oder auf einen neuen Fernseher verzichten, als zu Hause zu bleiben. Denn Erholung und der Kontrast zum Alltag wird auch künftig eine wichtigere Rolle spielen.“ Verändern dürften sich aber die Reiseziele. Reinhardt: „Früher gingen drei Viertel aller Reisen in das Inland. Das hat sich in den 90er-Jahren umgedreht. Jetzt dreht es sich wieder in die andere Richtung.“

Quellen

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