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Die bittere Wahrheit über argentinisches Rindfleisch

Die bittere Wahrheit über argentinisches Rindfleisch

Unverkennbare Maserung und unvergleichlicher Geschmack: Diese Kriterien haben das argentinische Rindfleisch weltberühmt gemachtFoto: dpa Picture Alliance

Eine Weltmarke befindet sich im Sinkflug, oder besser: im freien Fall. Die Rede ist von argentinischem – aber auch brasilianischem – Rindfleisch und seiner immer stärker schwindenden Qualität. Denn wo früher riesige Rinderherden frei in den Pampas, also den Gras- und Steppenlandschaften Argentiniens weideten, herrschen heute Massentierhaltung und Aufzucht mit genmanipuliertem Futter und künstlichen Wachstumshormonen vor. Die Konsequenz: Das Fleisch, von dem so viele Südamerika-Reisende immer schwärmen und welches auch hierzulande in vielen Restaurants als Spezialität serviert wird, wird nicht mehr seinem einstigen Ruf gerecht.

Die Ursache für dieses Drama, das schon zahllose argentinische Rancher und Kleinbauern in den Ruin getrieben hat, findet sich in der weltweit gestiegenen Nachfrage nach Sojabohnen. Laut einem Bericht des WWF ist die globale Soja-Produktion in den vergangenen 50 Jahren von 27 Millionen auf 269 Millionen Tonnen pro Jahr gestiegen, hat sich also verzehnfacht. Allein in Südamerika seien zwischen 2000 und 2010 24 Millionen Hektar Land zu Ackerflächen umgewandelt worden.

80 Prozent der Sojabohnen weltweit kommen laut WWF aus den USA, Brasilien oder Argentinien. Zwischen 1990 und 2010 wuchsen die Anbauflächen für Soja in Südamerika von 17 Millionen auf 46 Millionen Hektar an – Flächen, die früher auch verwendet wurden, um die weltberühmten argentinischen Rinder auf natürliche Weise großzuziehen, und die nun fehlen.

Die bittere Wahrheit über argentinisches Rindfleisch

Auf Massenbetrieb umgestellt: Die argentinische Rinderwirtschaft zielt nur noch auf schnellen Profit ab. Die Qualität bleibt dabei auf der Strecke.Foto: Getty Images

In einer unabhängigen Analyse sind die Autoren J.C. Guevara und E.G. Grünwaldt zu noch schockierenderen Zahlen gekommen: So habe sich die Anbaufläche für Sojabohnen in Argentinien von 40.000 Hektar zu Beginn der 1970er-Jahre auf unfassbare 18 Millionen Hektar Ertragsfläche in der Erntesaison 2009/10 vervielfacht. Um es einfach zu sagen: Den argentinischen Rindern gehen langsam, aber sicher die Flächen zum Grasen aus. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Nachfrage nach argentinischem Rindfleisch heute höher ist denn je.

Argentinisches Rindfleisch verliert immer mehr Geschmack

Dr. Wilfried Bommert vom Institut für Welternährung erklärt TRAVELBOOK die Folgen: „Heute wird der größte Teil der Rinder in Feedlots mit Korn, Soja und Wachstumshormonen gemästet, und dies in kürzester Zeit. Das Resultat ist ein deutlicher Geschmacksverlust.“ Es mag durchaus sein, dass viele Restaurantbesucher und Konsumenten diesen Unterschied ignorieren, auch weil das Image des Fleisches bislang so gut war.

Der Experte gibt zu bedenken, dass vor Beginn der 1990er-Jahre Rinder zum Teil noch mehr als fünf Jahre auf natürliche Weise auf den Pampas aufgezogen wurden – heute betrage die Zeitspanne für die „Turbomast“ gerade einmal sechs Monate.

„Die Rinder kommen mit 12 bis 16 Monaten in die Feedlots, also Boxensysteme, in denen je bis zu 50 Tiere auf engem Raum gehalten werden“, so Bommert weiter. „Jedes kommt mit etwa 300 Kilo Gewicht hier an und soll pro Tag 1,6 Kilo zunehmen. Nach sechs Monaten Mast werden die Tiere mit 600 Kilo Gewicht an die Schlachthöfe geliefert.“

Die bittere Wahrheit über argentinisches Rindfleisch

Die frei lebenden Rinderherden Argentiniens könnten bald der Vergangenheit angehören, wenn die Produktion der Sojabohne und von Getreide weiterhin Weideflächen auffrisstFoto: Getty Images

Weltweit 70 Prozent der Agrarflächen für Tierfutterproduktion

Trotz solch erschütternder Fakten ist die Nachfrage nach Fleisch im Allgemeinen ungebrochen, wie der „Fleischatlas“, herausgegeben von der Heinrich Böll Stiftung und der Umweltschutzorganisation BUND, belegt: Demnach hat sich der weltweite Fleischkonsum in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt und 360 Millionen Tonnen im Jahr 2018 erreicht. Bis 2028 werde der Fleischkonsum möglicherweise noch einmal um 13 Prozent wachsen.

Damit verbunden ist natürlich zwangsläufig auch ein weiterer drastischer Anstieg des Bedarfs an Anbauflächen für Futtermittel, wie eben der Sojabohne. Schon heute werden bis zu 70 Prozent aller weltweiten Agrarflächen von der Tierfutterproduktion beansprucht. Experte Bommert beklagt, dass in Argentinien heute daher mehr als 90 Prozent der Endmast in Feedlots mittels Soja und Getreide, besonders Mais, betrieben werde – mit katastrophalen Folgen für Tiere und Umwelt: „Durch die Haltung in großen Beständen von teilweise mehreren tausend Tieren besteht die akute Gefahr von Erkrankungen mit E-Coli-Bakterien. Durch das erhöhte Anfallen von Mist und Gülle besteht auch eine Gefahr für die Umwelt, im Besonderen für das Trinkwasser.“

Deutschland importiert jährlich Tausende Tonnen argentinisches Rindfleisch

Der Verbraucher merke diesen Qualitätsverlust an Wassereinlagerungen im Fleisch, sowie dem Verlust geschmacklicher Substanz. Im Übrigen sind uns all diese Probleme näher, als wir vielleicht denken, denn Deutschland ist laut dem Portal fleischwirtschaft.de innerhalb von Europa Haupt-Importeur für argentinisches Rindfleisch. Demnach lieferten argentinische Fleischhändler im Jahr 2018  fast 25.000 Rindfleisch nach Deutschland.

2016 wurden in Deutschland in den gewerblichen Schlachtbetrieben rund 1,1 Millionen Tonnen Rindfleisch produziert – gefüttert wurden die Tiere vorher oft mit aus Argentinien bzw. Brasilien importiertem Kraftfutter. Dies offenbart ein weiteres Drama und ist eine der Erklärungen dafür, dass der Sojaboom weltweit so viele Weideflächen vernichtet hat: Mit der Pflanze lässt sich einfach schneller mehr Geld verdienen als mit jahrelanger Aufzucht von Rindern.

Die Leidtragenden sind am Ende, vom Leid der Tiere mal ganz abgesehen, die ärmsten dieser Welt. In einer Analyse der Heinrich Böll Stiftung zu diesem Thema heißt es: „Sollte sich der Fleischkonsum weiter erhöhen, könnte sich die Produktion von Sojabohnen beinahe verdoppeln und zu einer entsprechenden Steigerung des Verbrauchs von Land, Dünger, Pestiziden und Wasser führen. Der erhöhte Futtermittelbedarf zur Viehfütterung würde die Preise für Lebensmittel und Land in die Höhe treiben, was es den Armen der Welt immer mehr erschweren würde, ihren Grundernährungsbedarf zu decken.“

Quellen

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