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Die irre Geschichte des Deutschen, der in den USA verloren ging

Die irre Geschichte des Deutschen, der in den USA verloren ging

Rund 31.000 Menschen wohnen heute in Bangor, im Bundesstaat Maine in den USA. Erwin Kreuz hätte einer von ihnen werden können. Foto: dpa picture alliance

Am 3. Oktober 1977 kommt es zu einer Verwechslung, die ein Leben verändern soll. An diesem Tag steigt ein Mann in ein Flugzeug in Richtung USA, der eigentlich nicht besonders bemerkenswert ist. Erwin Kreuz ist damals 49 Jahre alt, lebt in einem kleinen Ort in Bayern in der Nähe von Augsburg und arbeitet dort als Bierbrauer. Jetzt möchte er San Francisco sehen.

Ein Zwischenstopp mit Folgen

Auf dem Weg in die „Golden city“ macht seine Maschine in Bangor, im nordöstlichen Bundesstaat Maine, einen Zwischenstopp. Im Jahr 1977 ist das nicht unüblich, die Maschine wird aufgetankt und das Reisegepäck soll durch den Zoll gebracht werden. So steigen die Passagiere auch am 3. Oktober 1977 aus, kümmern sich um die Einreise und vertreten sich die Füße. Alle, außer Erwin. Denn der ist während des Fluges eingeschlafen und wacht erst wieder auf, als das Flugzeug bereits am Boden steht. Verschlafen nimmt er wahr, dass eine Flugbegleiterin ihm eine gute Zeit in San Francisco wünscht und aussteigt. Die Crew bleibt nämlich in Bangor, für den zweiten Flug in nach San Francisco werden andere Flugbegleiter eingesetzt. Aber auch Kreuz steigt aus und macht sich auf den Weg in die Stadt.

Erwins Problem: Er spricht kaum Englisch. Als er also ein Taxi anhält, kann er dem Fahrer nur „sleep“ sagen, woraufhin dieser ihn in ein Hotel bringt. „Weil in Amerika doch alle Entfernungen so riesig sind“, denkt sich Kreuz nichts Böses, als er auf Anhieb nichts von dem erblickte, was San Francisco so auszeichnet, wie der Spiegel in einem Artikel aus dem Jahr 1977 berichtet. Kreuz vermutet also, dass Bangor ein Vorort von San Francisco sei.

Die irre Geschichte des Deutschen, der in den USA verloren ging

Was meinen Sie, könnte dieses Bild aus Bangor auch in einem Vorort von San Francisco entstanden sein? Foto: dpa picture alliance

Drei Tage lang sucht Erwin Kreuz nach der Golden Gate Brigde

Die Sehenswürdigkeiten, auf die sich Erwin Kreuz gefreut hatte, bleiben aber aus. Stattdessen fallen Kreuz vor allem chinesische Restaurants auf. Er glaubt also, sich im Stadtteil „China Town“ in San Francisco zu befinden. Drei Tage lang lässt sich der Deutsche nicht beirren und spaziert durch Bangor, immer auf der Suche nach der Golden Gate Bridge. Die Zeit drängt: Weil am Wochenende „parents weekend“ an der örtlichen Universität ist, sind in seinem Hotel nun alle Zimmer ausgebucht und Erwin muss auschecken. Er hat genug gesucht, schreibt San Francisco auf einen Zettel und hält ihn einem Taxifahrer hin. Doch dieser lässt Erwin stehen, als er von seinem Ziel hört. Langsam ahnt der Reisende nun, dass es sich um eine Verwechslung handelt und geht in eine Bar, um den Weg nach San Francisco zu erfragen.

Dort hat er Glück – denn trotz mangelhaftem Englisch kann er sich mit den Menschen dort verständigen. Nämlich mithilfe von Gertrude, die ursprünglich aus Deutschland stammt und in die Bar geholt wird, um zu übersetzen. Die Ausgewanderte kann Erwin schließlich verständlich machen, dass er sich 3000 Meilen – also rund 4820 Kilometer – von San Francisco entfernt befindet.

Erwin Kreuz wird in den USA zur lokalen Berühmtheit

Gertrude nimmt sich Erwin an und bringt ihn in einem anderen Hotel unter. Neben der lokalen Presse werden immer mehr Menschen aus Bangor nun auf den Deutschen aufmerksam. Die Einheimischen finden die Geschichte lustig und wollen, dass Erwin trotzdem eine tolle Zeit in den USA verbringt, auch wenn er nicht in San Francisco gelandet ist. So wird er etwa Ehrengast beim örtlichen Oktoberfest, selbst die symbolischen Schlüssel zur Stadt werden ihm ausgehändigt. Seinen 50. Geburtstag verbringt Erwin auf eigenen Wunsch in einem McDonald’s, wo er eine Party schmeißt. Das alles ist Presseberichten der örtlichen Zeitung „Bangor Daily News“ zu entnehmen, die Erwin Kreuz‘ Reise dokumentiert.

Die irre Geschichte des Deutschen, der in den USA verloren ging

Das Bezirksgericht in Bangor kann sich sehen lassen. Foto: Getty Images

Schließlich, knapp drei Wochen nach seiner Ankunft in Bangor, steigt Erwin Kreuz wieder in ein Flugzeug. Doch es geht nicht an die Westküste nach San Francisco, sondern nach Augusta, die Hauptstadt von Maine. Dort trifft er sogar den Gouverneur des US-Bundesstaats, in dem er gestrandet ist. Von seinen neugewonnenen Freunden in Bangor wird Kreuz durch ganz Main kutschiert.

In den USA weiß jeder von der Verwechslung

Mittlerweile ist er nicht nur in Maine eine Berühmtheit, auch die landesweite Presse ist auf den Deutschen aufmerksam geworden. Das führt zu einem Angebot: Kreuz wird von einer Zeitung nach San Francisco eingeladen, Flug inklusive. Der deutsche Tourist nimmt die Einladung an und trifft in San Francisco auf begeisterte Einheimische. Er hat in den USA nun so etwas, was man heutzutage eine Fanbase nennt. Erwin wird Ehrengast bei allen möglichen Festivitäten, auch der Bürgermeister von San Francisco lädt ihn ein und überreicht Erwin seinen zweiten symbolischen Schlüssel zu einer US-amerikanischen Stadt.

Ende Oktober fliegt Kreuz wieder zurück nach Deutschland und verabschiedet sich mit den Worten If Kennedy can say I am a Berliner, then I am a Bangor.

Der „Bangor“ kehrt zurück

Zu Hause in Bayern aber vermisst er die herzlichen Amerikaner. Kreuz fühlt sich in Bangor tatsächlich schon so heimisch, dass er die Einladung eines Versicherungsunternehmens, ein Jahr später wieder in den Bundesstaat Maine zurückzukehren, annimmt. Dort hat er vor allem einen Auftrag: Er soll ein Einkaufszentrum eröffnen. Die Bangor Mall wird, laut eigener Aussage, zudem das erste Einkaufszentrum, dass Kreuz bis dato je betreten hat.

Die irre Geschichte des Deutschen, der in den USA verloren ging

Erwin Kreuz soll von den Wäldern in Maine begeistert gewesen sein. Dieses Bild, das im Herbst in Main aufgenommen wurde, macht wirklich Lust auf mehr. Foto: Getty Images

Erwin genießt seinen zweiten Aufenthalt in den USA, reist mit seinen Freunden aus Bangor nach Boston und zum Grand Canyon. Doch bei seiner Rückkehr nach Deutschland erwartet ihn eine böse Überraschung: Die Bierbrauerei, bei der er bisher gearbeitet hat, kündigt ihm. Und was macht Erwin? Er fährt im Februar 1979 wieder nach Bangor, nur ein halbes Jahr nachdem er zuletzt dort gewesen war. Doch jetzt ist nicht mehr Urlaub, sondern Jobsuche angesagt. Denn Erwin will nach Bangor ziehen.

Doch weil seine Englischkenntnisse immer noch zu wünschen übrig lassen, läuft die Suche nicht so, wie Erwin sich das vorgestellt hat und er reist im März wieder nach Deutschland – und danach, soweit man weiß, nie wieder in die USA. Wer noch mehr Details über Erwins verrückte Reise erfahren will, kann beim Podcast Geschichten aus der Geschichte vorbeischauen, wo zudem über den Verbleib des US-Urlaubers spekuliert wird. Wo genau oder ob er noch lebt, ist nämlich unklar.

Quellen

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